Polit-Journalisten: „Jetzt geht es ins Elfmeter-Schießen“
Eine erste Kurzanalyse gaben die Politik-Chefs der Bundesländerzeitungen kurz nach Veröffentlichung der ersten Hochrechnungen ab.
Innsbruck/Wien – Wer wird Österreichs neuer Bundespräsident? Nach dem vorläufigen Endergebnis (ohne Wahlkarten) ist der Ausgang völlig offen. Die beiden Kandidaten liegen laut Prognosen nahezu gleichauf.
„Wir gehen in die Verlängerung“, kommentierte TT-Politik-Chef Michael Sprenger in Anlehnung an ein Fußballspiel das Ergebnis beim Wahlspecial der Bundesländer-Zeitungen in der Wiener Hofburg. Andreas Koller von den Salzburger Nachrichten sprach gar von einem „Elfmeter-Schießen“. „Es ist egal, wie die Wahl ausgeht. Die Lehre muss sein, dass ein Brückenschlag stattfindet.“
Michael Jungwirth Chef des Politikressorts bei der Kleinen Zeitung zeigte sich überrascht von dem unklaren Trend. „Wir werden wahrscheinlich morgen oder übermorgen mit einer polarisierten Politik aufwachen. Es kann durchaus sein, dass es Demonstrationen geben könnte, weil das Wahlergebnis nicht anerkannt wird“, so der Journalist. Er glaube, so Jungwirth weiter, dass eher die Grünen-Wähler faire Verlierer sein werden, bei Anhängern der Blauen sei er sich da nicht so sicher.
Sprenger warnte unterdessen davor, schon jetzt das Ende der Zweiten Republik auszurufen. Eine Stichwahl sei immer knapp, argumentierte er in seiner Analyse. Auch auf die Nervosität innerhalb der FPÖ wies er hin, die ja bereits am Vortag schon in einer Aussendung eine Wahlkarten-Verschwörung sah.
Beeindruckende Aufholjagd
Eine beeindruckende Aufholjagd habe Alexander van der Bellen hingelegt, darin waren sich die Politik-Profis einig. Mehr als 500.000 Stimmen an Rückstand hat der Ex-Chef der Grünen am Sonntag dazugewonnen. Ob es am Ende für den Sieg reicht, mussten die Journalisten aber offen lassen. Das wird erst das endgültige Ergebnis mit den ausgezählten Wahlkarten weisen.
„Wir leben in einer Konkurrenz-Demokratie. Einer wird gewinnen, und der andere wird sich damit abfinden müssen. Das ist nur in Österreich anders, wo der Konsens schon gesucht wird, bevor das Ergebnis überhaupt da ist“, befand Christoph Kotanko von den Oberösterreichischen Nachrichten lakonisch. Die Regierungsumbildung kurz vor der Wahl habe aber vor allem Norbert Hofer geschadet. „Das Protestwähler-Potenzial wurde hier in gewisser Weise demobilisiert.“ Auch die Deklaration von Irmgard Griss zu Alexander Van der Bellen sei tendenziell negativ für Hofer gewesen.
Birgit Entner von den Vorarlberger Nachrichten glaubt, dass der Populismus im Wahlkampf nicht im Amt des Präsidenten weitergeführt werden könne. „Ich glaube nicht, dass Norbert Hofer, sollte er gewählt werden, alle Versprechen einhalten können wird, die er im Wahlkampf abgegeben hat.“ Generell seien die Kandidaten in ihrem Wahlkampf aber etwas in die Mitte gerückt.
Presse-Chefredakteur Rainer Nowak stellte die Frage in den Raum, wie Alexander van der Bellen, sollte er gewählt werden, den Graben überwinden könnte, der in der Bevölkerung entstanden ist. „Es gibt ein Gefälle, zum Beispiel Stadt-Land. Das ist ein Phänomen, das wir aus anderen Ländern kennen, das aber in Österreich recht neu ist und das wir im Auge behalten sollten“, glaubt der Presse-Chef.
„Es hat in der letzten Zeit einen massiven Vertrauensverlust gegeben. Ob der neu gewählte Bundeskanzler Christian Kern dieses Autoritätsproblem wieder ausbügeln kann? Das ist eine Herkulesaufgabe.“ (TT.com)