BP-Wahl - Pressestimmen: Österreich ist gespalten

Wien (APA) - Das knappe Ergebnis der Präsidentschaftsstichwahl interpretieren Österreichs Tageszeitungen als klare Spaltung des Landes. Über...

Wien (APA) - Das knappe Ergebnis der Präsidentschaftsstichwahl interpretieren Österreichs Tageszeitungen als klare Spaltung des Landes. Über die Polarisierung der Wähler waren sich die Chefredakteure von Bregenz bis Wien weitgehend einig, nicht hingegen über die Trennlinien. Kritik gibt es an den Regierungsparteien SPÖ und ÖVP, gelobt wird hingegen mancherorts das große Interesse an Politik.

„Kronen Zeitung“, Klaus Herrmann:

„Österreich ist nicht blau, es ist nicht grün und schon gar nicht Braun (auch wenn das gerade erst der deutsche „Spiegel“ anklingen ließ). Nein, Österreich ist gespalten! Und auch das am wenigsten zwischen Grün und Blau, wie es die Wahl am Sonntag auf den ersten Blick nahelegen würde. Sondern vielmehr zwischen Stadt und Land, zwischen Rot-Blau und Schwarz-Grün und, und, und.“

„Vorarlberger Nachrichten“, Gerold Riedmann:

„Diese Wahl mit dem unbefriedigenden Fifty-Fifty-Ergebnis lässt das Land gespalten zurück, der Riss verläuft messerscharf - genau dort, wo früher die Mitte war. Stadt - Land, Reich - Arm, Büro - Fabrikshalle. (...) Weder Christian Kern noch Reinhold Mitterlehner äußerten sich gestern, niemand will sich den Mund verbrennen.“

„Kurier“, Helmut Brandstätter:

„Die Illusion, man könne sich auf SPÖ und ÖVP verlassen, ist Geschichte. So gespalten, wie das Land sich repräsentiert, sind auch die Erwartungen an die Politik. Aber hier verlaufen die Trennlinien nicht unbedingt zwischen Blau auf der einen Seite und Rot-Schwarz-Grün auf der anderen.“

„Oberösterreichische Nachrichten“, Gerald Mandlbauer:

„Dieses Kopf-an-Kopf-Rennen gibt, unabhängig vom Fehlen eines eindeutigen Endresultates, den Blick frei auf ein politisch in sich zerrissenes und zugleich hoch politisiertes Land. Österreich ist nach rechts gerückt. Nahezu die Hälfte derer, die gestern gewählt haben, hat diese Wahl als Abrechnung mit dem bestehenden System verstanden. (...) Zwei unterschiedliche Weltbilder halten damit einander die Waage.“

„Die Presse“, Rainer Nowak:

„Das alte Argument, wer FPÖ wähle, stimme für den Protest, denn in eine Regierung käme sie ohnehin nicht, ist Geschichte. Knapp oder mehr als die Hälfte will eine blaue Hofburg und einen Mann, der klar gesagt hat, gegebenenfalls auch Regierungen abzuberufen.“

„Der Standard“, Alexandra Föderl-Schmid:

„Das knappe Rennen in der Präsidentenstichwahl am Sonntag zeigt die Polarisierung in diesem Land, die während des Wahlkampfs zu bemerken war: Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer waren zwei Kandidaten, die unterschiedlicher nicht sein konnten. (...) Aber auch wenn die Auseinandersetzung hart war, das Land ist nicht gespalten, sondern politisiert.“

„Wiener Zeitung“, Reinhard Göweil:

„Wahlen gehen immer knapper aus, das Phänomen ist nicht unbekannt. Doch diese Präsidentschaftswahl hatte es tatsächlich in sich, sie war eine Richtungswahl. Es ist daher auch falsch, das jeweilige Ergebnis der FPÖ oder den Grünen anzurechnen. Die Freiheitlichen sind nicht bei 50 Prozent, auch wenn dies deren Politiker suggerieren wollen. Die Grünen allerdings auch nicht.“

„Tiroler Tageszeitung“, Alois Vahrner:

„Das neue Staatsoberhaupt, das (inklusive Nichtwählern) von fast zwei Dritteln nicht gewählt wurde, wird alle Hände voll zu tun haben, Gräben zuzuschütten und verbindend zu wirken - und weit weniger, Regierungen zu entlassen oder nicht anzugeloben. Ein Präsident für das ganze Volk, diesen Status müssten sich beide erst durch Taten erarbeiten. Das gilt für Van der Bellen, der das Amt ähnlich anlegen will wie Amtsinhaber Heinz Fischer, mehr noch aber für Hofer.“

„Salzburger Nachrichten“:

„Für eingefleischte Rote und Schwarze ist der ehemalige Chef der Grünen ein rotes Tuch. Doch angesichts der realistischen Möglichkeit, dass Norbert Hofer der neue Präsident wird, sind viele über ihren eigenen Schatten gesprungen. Nur Zaungäste sind bei diesem Schauspiel die Regierungsparteien. Hätten sie von Beginn an auf Irmgard Griss gesetzt und auf ihre eigenen Kandidaten verzichtet, dann würde es heute wohl anders aussehen.“

„Neues Volksblatt“, Christian Haubner

„Denn der knappe Wahlausgang zeigt, wie polarisiert und gespalten die Gesellschaft ist. Darin liegt auch die wahre Herausforderung für jenen, der letztlich Bundespräsident wird. (...) So oder so: Es braucht nun besonnenes Vorgehen, denn diese Wahl ist ein potenzieller gesellschaftlicher Spaltpilz.“