Europa

Sinn sieht kein Ende der Krise und 200-Euro-Noten wackeln

Volkswirt Hans-Werner Sinn erwartet, dass die EZB das Bargeld zurückdrängt. Die Griechenlandkrise sei nicht vorbei, das Flüchtlingsdrama übertünche sie nur.

Von Nina Werlberger

Innsbruck –Ist die Abschaffung des 500-Euro-Scheins der Anfang vom Ende des Bargelds in Europa? Für den deutschen Ökonomen Hans-Werner Sinn zielt die Europäische Zentralbank (EZB) jedenfalls in diese Richtung. „Man will negative Zinsen und muss deswegen das Bargeld zurückdrängen“, sagte Sinn vergangene Woche bei einem Vortrag zum Thema Euro an der Uni Innsbruck.

Beim angekündigten Aus für den 500-Euro-Schein gehe es der Notenbank nicht um „Kleinkriminelle“, sondern vielmehr um Banken und Versicherungen, die Bargeld horten, meinte Sinn. Denn die EZB wolle verhindern, dass die Institute den Negativzinsen ausweichen. Wenn die Banken nun statt 500-Euro-Scheinen künftig 200-Euro-Noten stapeln, steigen ihre Tresorkosten um das Zweieinhalbfache – ein teures Unterfangen. Sinn erwartet weitere Schritte der EZB in diese Richtung. „Die Abschaffung des 200-Euro-Scheins könnte in einigen Jahren folgen“, konkretisierte der Volkswirt im TT-Gespräch.

An der Arbeit der EZB ließ der Professor – er ist ein starker Kritiker der Euro-Rettungspolitik – kein gutes Haar. Die Notenbank sei über ihr Mandat hinausgegangen. „Wir haben eine Institution mit diktatorischen Vollmachten geschaffen. Die Politikmaßnahmen der EZB nähren den Verdacht, dass sie Interessenpolitik betreibt. Sie ist eine Bail-out-Maschinerie zur Rettung von Staaten und Banken geworden“, befand Sinn.

Die Schuldenkrise in Europa und vor allem in Griechenland hält er nach wie vor für akut. „Von einem Ende der Krise kann überhaupt nicht die Rede sein“, sagte Sinn mit Blick auf Verschuldung, Arbeitslosigkeit und Produktivität in Südeuropa. Vor allem die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit in den Euro-Sorgenstaaten sei ein Problem. Südeuropa dürfe sich nicht weiter verschulden, da Schulden wie eine Droge wirken und die „Selbstheilungskräfte“ bremsen würden. Notwendig seien strukturelle Reformen. „Wenn Politiker sagen, man müsse Geld geben, um Zeit zu kaufen, dann ist das ein Euphemismus. Es ist wirklichkeitsfremd und einfach falsch. Es wird Zeit fürs Nichtstun gekauft.“ Griechenland stecke wirtschaftlich in derselben Krise wie vor einem Jahr. „Die Lage ist nach wie vor desaströs. Das wird aber politisch wegen der Flüchtlinge übertüncht“, glaubt Sinn.

Die Zukunft der Eurozone malte der Professor folglich eher düster. Mit Blick auf die Verschuldung meinte er: „Im Moment haben wir Ruhe. Aber es wird nicht besser, es wird schlimmer. Die Schuldenverhältnisse zwischen Staaten bringen die Völker Europas gegeneinander auf.“ Eines der gravierendsten Probleme des Euro ist in seinen Augen, dass sich Krisenländer über die Druckerpressen immer wieder Geld beschaffen. So hätte sich Athen etwa durch selbst gedrucktes Geld inzwischen mehr als 1 Billion Euro an zusätzlichen Krediten besorgt. Dieser Selbstdruck des Geldes dürfe künftig nicht mehr zugelassen werden, forderte Sinn. Er führe zu Missbrauch.

Der Ökonom plädierte für eine „europäische Schuldenkonferenz“ mit Schuldenschnitten für Banken, Notenbanken und Staaten. Die Schulden seien nicht zurückzahlbar, attestierte er. In der Folge müsse die Wettbewerbsfähigkeit von Staaten wie Griechenland wiederhergestellt werden – und das sei nur mit einem (zeitweiligen) Austritt aus der Eurozone möglich, glaubt Sinn. Durch die zu erwartende Abwertung der neuen, alten Drachme bekäme das Land eine sofort spürbare Entlastung. Sinn empfiehlt, eine „atmende Währungsunion“ zu schaffen, bei der es ein geordnetes Verfahren für einen Austritt aus der Eurozone gäbe und ein Wiedereintritt zu einem späteren Zeitpunkt möglich wäre.

Hans-Werner Sinn war auf Einladung der Forschungsplattform „Experimentelle und Empirische Wirtschaftsforschung“ sowie des SoWi-Clubs zu Gast an der Uni Innsbruck.

Hans-Werner Sinn: streitbarer Mahner, Reizfigur, Missionar

Hans-Werner Sinn leitete rund 17 Jahre lang das Münchner Ifo-Institut und baute es zu einem Forschungsinstitut von Rang aus. Im März ist der 68-jährige Wissenschafter in Pension gegangen.

Als Schüler wollte Sinn Missionar werden. Er war Mitglied im Christlichen Verein Junger Männer sowie der Sozialistischen Jugend und wollte auf den Spuren Albert Schweitzers in die Dritte Welt. Den Kapitänsbart, den er seit Studententagen in Münster trägt, ist zu seinem äußeren Markenzeichen geworden. Für seine Überzeugungen geht der Westfale keinem Streit aus dem Weg.

Nach dem Studium bewarb sich der Volkswirt bei einem Gewerkschaftsinstitut, erfolglos. Stattdessen machte er in der Wissenschaft Karriere. Mit 33 Jahren kam er als Professor von Mannheim nach München, lehrte später auch in Stanford und Princeton. Ab 1999 baute er das damals ausgelaugte Ifo-Institut auf. Nobelpreisträger Robert Solow lobte: „Er hat München zu einem der Weltzentren für Wirtschaftsforschung gemacht.“ Auf der anderen Seite wurde Sinn auch als „Boulevardprofessor“ geschmäht, mit seiner Kritik an der Griechenland-Rettung oder am deutschen Mindestlohn eckte er an. Für viele Deutsche ist er eine Reizfigur. 2015 wurde Sinn vom Deutschen Hochschulverband zum „Hochschullehrer des Jahres“ gekürt.