Innsbruck

Hochalpines Blind Date mit Folgen

© TLT/Larl

Hier ist niemand schwindelfrei: Turrinis Verwirrspiel „Alpenglühen“ in der K2-Werkstattbühne.

Innsbruck –„Für mich ist der einzige Ort der Wirklichkeit das Theater“, erklärte Peter Turrini vor mehr als 20 Jahren. Kurz zuvor war sein Stück „Alpenglühen“ am Burgtheater uraufgeführt worden: Seit Freitag ist das Kammerspiel, in dem ein Berg an Lügen aufgetürmt wird und die Protagonisten ihre Identitäten wie die Unterhosen wechseln, nun in der K2-Werkstattbühne gelandet, wo „Tirol isch lei oans“ vom Band scheppert. Wir befinden uns dort, wo sich in der Regel auch Fremde immer duzen. Dort, wo es koa Sünd’ gibt und sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen: willkommen im Bergidyll, wo ein blinder Mann (Andreas Wobig) im kargen Chaos haust – und sich mit dem Imitieren von Auerhahn- und Kuckuckslauten ein Zubrot verdient. Später wird er erklären, dass er einst Journalist werden wollte und durch eine Atombomben-Explosion das Augenlicht verlor. Noch später wird er behaupten, dass er ein alter Nazi ist, der sich aus Versehen selbst blind sprengte. Am Ende gibt er sich dann als Theaterdirektor aus, macht sich also zum Hüter der Wirklichkeit.

Doch nicht nur der Blinde, dem die reale Welt immer dann abhandenkommt, sobald die Batterien seines Radios ausgehen, ist vieles: Auch Jasmine (Antje Weiser), die er vom Blindenverein vermittelt bekommt, ist verwirrend vielseitig. In ihr stecken eine forsche Hure, eine für Männer unsichtbare Sekretärin und eine bislang unentdeckte Schauspielerin, die das Zeug zur Jahrhundert-Julia hätte. Und wer ist sie wirklich? Man weiß es nicht genau – aber man kann sich alles vorstellen. Und genau darum geht’s doch im Theater. Beim dramatischen Blind Date mit Folgen mischt auch ein wirklich g’rader Michl mit: Aber der junge Mann (Fabian Schiffkorn), der dem Blinden stets versichern muss, dass unten im Tal alles in bester Ordnung ist, zerbricht an den ihn umgebenden Scheinwelten.

Als Zuschauer ist man hautnah bei diesem vertrackten Spiel mit der Wirklichkeit dabei. Regisseurin Ingrid Gündisch bleibt in ihrer dichten Inszenierung Turrinis Täuschungs-Text treu, auf optisches Alpen-Ambiente (Bühne und Kostüme: Stella Krausz) wird verzichtet. Stattdessen gibt’s steiles Schauspiel zu sehen: Antje Weiser schlüpft leichtfüßig und behände von einer Rolle in die nächste, Andreas Wobig nimmt man den feingeistigen Blinden genauso ab wie den untergriffigen Altnazi. Fabian Schiffkorn haucht indes dem naiven Bauernbuben mit einnehmender Mimik Leben ein. Ein packender Ausflug in schauspielerische Höhen, die alles andere als schwindelfrei sind. (fach)