Starkes wie eigenwilliges Live-Album: „Earth“ von Neil Young

Wien/Klam (APA) - Die Gitarren brummen und brummen und brummen. Dann schnattern die Gänse oder summen die Bienen. „Respektiert Mutter Erde“,...

Wien/Klam (APA) - Die Gitarren brummen und brummen und brummen. Dann schnattern die Gänse oder summen die Bienen. „Respektiert Mutter Erde“, warnt Neil Young zwischendurch. Der Kanadier hat mit „Earth“ ein starkes, etwas eigenwilliges Live-Album abgeliefert. Aber konventionelle Ware erwartet ja niemand von dem 70-Jährigen, der mit Band am 23. Juli auf der Burg Clam gastiert. Es könnte ein Konzert-Highlight werden.

Seit dem Album „The Monsanto Years“, ein Manifest gegen Gentechnik und die Machtgier großer Konzerne, ist Young mit der Band Promise Of The Real unterwegs. Der Gruppe gehören zwei Söhne von Willie Nelson, Lukas und Micah (beide Gitarre), an, die ihren „Onkel Neil“ offenbar beflügeln. Die Auftritte sind immer ausufernder, die Auswahl der Songs immer interessanter geworden - so mancher lange nicht mehr gespielter Klassiker schaffte es auf die Setlist.

„Earth“ - die CD erscheint am 24. Juni, das Vinyl folgt am 12. August - dokumentiert diese Spielfreude perfekt. „Vampire Blues“ und „Hippie Dream“ sind zwei aus dem Backkatalog ausgegrabene Perlen, dazu gesellen sich Standards wie „After The Goldrush“ und „Love And Only Love“. Letzteres bereiten Young und seine Mitstreiter über 28 Minuten so auf, als wäre des Kanadiers beste Krawall-Begleitband Crazy Horse aus einem Jungbrunnen zum Jam gestiegen.

Das Live-Album widmet sich dem Thema Erde, Sehnsucht nach der Natur und dem Raubbau an dieser. Auf die jüngere Öko-Hymne „Mother Earth“ folgt das bisher unveröffentlichte „Seed Justice“, ehe es mit „My Country Home“ zurück in die Zeiten von „Ragged Glory“ (und das war eine der besten LPs von Neil Young & Crazy Horse) geht. 98 Minuten dauert die Reise, die natürlich das „Monsanto“-Album berücksichtigt. Ein heftiges Gitarrengewitter bietet etwa „Big Box“, das mit einer Collage aus Feedback, Autohupen, Muhen, Windgeheule, Vogelgekrächze und Maschinengewehrsalven endet.

„Earth“ ist eine schöne Zusammenfassung der „Rebel Content Tour“, die Young und Co demnächst nach Oberösterreich führt. Mit Overdubs wurde nicht gespart, aber nicht um Fehler beim Auftritt zu verbergen, sondern als stilistisches Instrument. „Warnung: enthält modifizierten Inhalt“, warnt ein Sticker auf der Verpackung in Anspielung auf entsprechende (fehlende) Hinweise auf GVO-Lebensmittel. So quakt und quiekt es immer wieder, manchmal mitten im Stück.

Promise Of The Real gehen respektvoll mit dem Material um, interpretieren es aber kräftig und erfrischend, schaffen die Brücke zwischen Young-Evergreens, Raritäten und Neuem. Beim Österreich-Besuch darf man zusätzliche Leckerbissen wie „Out On The Weekend“, „Walk On“, „Words“ oder „Manson On The Hill“ erwarten, auch „Heart Of Gold“ und „Long May You Run“ rutschten zuletzt immer wieder ins Programm.

Nicht zu vergessen: Der Mann hat nicht nur eine musikalische und ökologische Agenda. Gegen Populisten und gegen die allgegenwärtige Verdummung durch Reality-TV, Social Media und andere Formen der modernen Unterhaltung wettert der Alt-Hippie regelmäßig. Mit seinen 70 ist Neil Young ein Mahner - eine Aufgabe, die viele junge Kollegen geflissentlich vernachlässigen.

(S E R V I C E - Internetseite von Neil Young: http://www.neilyoung.com - Infos zum Konzert: http://go.apa.at/J5CH7sOx)