Ein Machtkampf überschattet das orthodoxe Konzil auf Kreta

Moskau und Konstantinopel ringen um die Führung der Orthodoxie. Die Spannungen zwischen dem Westen und Russland verschärfen den Konflikt.

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Istanbul, Moskau –Auf der griechischen Insel Kreta hat am Freitag das als historisch angekündigte und seit Jahrzehnten angestrebte Konzil der orthodoxen Kirchen begonnen. Zuletzt hatte es im Jahr 787 in Nicäa (heutige Türkei) ein vergleichbares Treffen gegeben.

Die eigentlichen Beratungen starten heute und sollen bis zum 27. Juni dauern. Doch schon jetzt steht fest: Das Konzil wird nicht zu einer größeren Einigkeit der orthodoxen Kirchen führen und wohl auch keine Streitfragen für die gesamte Orthodoxie klären. Grund dafür ist ein Konflikt um die Führung und Ausrichtung der orthodoxen Kirchen.

Einberufen hat das Konzil Bartholomaios I., als Patriarch von Konstantinopel (heute Istanbul) traditionell der Führer der orthodoxen Christenheit. Doch der Moskauer Patriarch Kirill I. will diese traditionelle Führungsrolle nicht mehr anerkennen. Er reiste gar nicht erst an zum Konzil – und bewegte auch Moskau nahe stehende orthodoxe Kirchen, dem Treffen fernzubleiben. In Kreta tagen somit nur zehn der 14 autokephalen (selbstständigen) Kirchen.

Im Vorfeld des Konzils sorgte u. a. der Streit für Schlagzeilen, wer am Kopf der Tafel sitzen soll. Doch er illustriert nur eine tiefer liegende Spaltung; die Süddeutsche Zeitung sprach in diesem Zusammenhang vom slawisch geprägten und dem griechisch geprägten Lager.

Das slawisch geprägte Lager orientiert sich am Patriarchat von Moskau, das wiederum die Politik von Kremlherrscher Wladimir Putin unterstützt. Patriarch Kirill gilt als enger Vertrauter von Putin und kämpft wie dieser gegen westliche Werte. Christen anderer Kirchen – etwa Katholiken – werden als Ketzer betrachtet. Kritiker sehen darin eine unheilige Allianz zwischen Staat und Kirche.

Das griechisch geprägte Lager hingegen orientiert sich am Patriarchat von Konstantinopel, das in Russland als pro-amerikanisch gegeißelt wird. Es steht dem Westen im Vergleich offener gegenüber und hält gemäß der dort üblichen Trennung zwischen Kirche und Staat auch zumeist mehr Distanz zu den jeweiligen nationalen Politikern.

Die wachsenden Spannungen zwischen dem Westen und Russland heizen den Konflikt zusätzlich an, wie das Beispiel Ukraine zeigt. Das Moskauer Patriarchat beansprucht weiterhin die Oberhoheit über die Orthodoxen in der Ukraine. Das junge Kiewer Patriarchat hingegen ringt um seine Autonomie und streitet mit Moskau um Klöster und Kirchen.

Auch in den baltischen Staaten, die einst Teil der Sowjetunion waren und inzwischen Mitglieder von NATO und EU geworden sind, suchen die Orthodoxen jetzt die Nähe zu Konstantinopel.

Allerdings verfügt Bartholomaios außer seiner traditionellen Rolle als „primus inter pares“ (Erster unter Gleichen) kaum über wirkliche Macht. Er führt in der heutigen Türkei lediglich ein paar Tausend Gläubige, während die russisch-orthodoxe Kirche mit geschätzten 100 Millionen Mitgliedern die größte orthodoxe Gemeinschaft bildet.

Angesichts der Absage des von Moskau geführten Lagers wird das Rumpfkonzil wohl kaum die hohen Erwartungen erfüllen können. Bartholomaios und seine Gefolgsleute hatte ursprünglich gehofft, dass das historische Treffen für die Orthodoxie eine ähnliche Wirkung entfalten könnte wie das Zweite Vatikanische Konzil für die katholische Kirche. Doch nun sieht es danach aus, dass es die Spaltung der orthodoxen Kirchen eher noch deutlich macht und vertieft. (TT, dpa)


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