Basketball: Das Draft-System: Multiple-Choice-Prüfung mit Unbekannten

Wien (APA) - Öffentliche Personenwahl, Medienspektakel, quasi-sozialistisches Arrangement und Risikospiel: Im hektischen Getriebe der großen...

Wien (APA) - Öffentliche Personenwahl, Medienspektakel, quasi-sozialistisches Arrangement und Risikospiel: Im hektischen Getriebe der großen US-Ligen hat sich der Draft-Mechanismus längst als unverzichtbares, nicht hinterfragbares Ritual etabliert. Am Donnerstag (Ortszeit) wird der Wiener Jakob Pöltl in New York auf diese Weise seinen Traumjob NBA-Profi ergattern.

Wenn die Chefitäten der 30 NBA-Teams ihre Draft-Selektionen ausklügeln, kann es schon passieren, dass die Gewichte in der populärsten Basketball-Liga der Welt auf Jahre hinaus radikal verschoben werden. Ein einziger geglückter Draft kann das Schicksal eines Clubs für immer zum Besseren verändern. Zugleich können sich die Verantwortlichen aber auch gehörig verspekulieren, wenn sich ein vermeintliches Supertalent als verletzungsanfälliger Rohrkrepierer entpuppt.

Die Draft-Zeremonie selbst ist mit weit weniger Pathos beladen, als man vielleicht vermuten könnte. Wenn NBA-Boss Adam Silver den Namen des „Top Picks“, also der mutmaßlich fähigsten Nachwuchskraft, verkündet, beginnt in Wahrheit eine ziemlich schematisch ablaufende Kettenreaktion - samt Fotos mit den neuen Club-Devotionalien und Interview-Marathon. Dafür erscheinen die jungen Männer aber picobello aufgebrezelt.

Der Draft ist nicht der einzige, wohl aber der gängigste Weg, wenn man es in eine der beliebtesten US-Sportarten Football, Baseball, Basketball und Eishockey schaffen will. Fast allen nordamerikanischen Stars - von Joe Montana über Michael Jordan bis hin zu Sidney Crosby - ist so der große Sprung gelungen.

In der NBA ist das Prozedere derzeit auf zwei Runden begrenzt, in jeder davon werden 30 Akteure aus einem viel größeren Pool herausgefischt. Damit wartet jedes Jahr auf lediglich 60 Draft-Anwärter ein glückliches Ende. Zum Vergleich: In der National Football League (NFL) sind es aktuell 253, wobei dort freilich viel breitere Kader benötigt werden.

Die NFL war es auch, die das Draft-System 1936 eingeführt hat. Der Präsident der Philadelphia Eagles, Bert Bell, wollte eine Art Verteilungsmechanismus schaffen, um den finanziell potenziell ruinösen Wettbewerb um die besten Nachwuchsspieler auszuschalten. Und irgendwie sollten dabei auch die Loser-Teams bevorzugt werden, um zu verhindern, dass die stärksten Talente die stärksten Clubs noch stärker machen.

Am Ende kam Bell auf folgende Lösung: Die Tabelle der abgelaufenen Saison wird einfach auf den Kopf gestellt, dann wird der Reihe nach gewählt. So bekommt der Letzte das erste Draft-Recht, während der aktuelle Champion bis zum Schluss warten muss. Bis 1965 hatten auch NBA, NHL und MLB dieses Konzept übernommen, das einen geradezu sozialistischen Ansatz erkennen lässt.

Die NBA hat ihren Modus 1985 noch dazu um ein Zufallselement erweitert, bei dem die konkrete Draft-Reihenfolge der Nicht-Play-off-Teams in einer eigenen Prozedur („Lottery“) tatsächlich ausgelost wird. Dabei bekommt die Truppe mit der schlechtesten sportlichen Bilanz nach einem fixen Schlüssel die größte Wahrscheinlichkeit auf den ersten Pick zugeteilt. Damit ist es unmöglich geworden, dass ein Team seine Draft-Position verbessert, indem es absichtlich verliert.

Eines haben alle Draft-Ausgaben in jedweder Liga gemeinsam: Vorherzusagen wie sich ein Talent entwickelt, ob ein junger Sportler einschlägt, ist trotz aller Erfahrung und wissenschaftlicher Vorbereitung unmöglich. Dafür gibt es zu viele Variablen und Faktoren, die sich schlichtweg nicht kontrollieren lassen. Letztlich rennt auch in Sachen Draft nichts ohne eine saftige Portion Glück.