Tirol

Von wegen Silikon und Botox

Brustvergrößerung, Faltenstraffung oder Fettabsaugung – all das macht nur einen Bruchteil in der plastischen Chirurgie aus.
© dpa

Die plastische Chirurgie hat die Allgemeinchirurgie ersetzt, doch in den Köpfen dominiert nach wie vor das Bild vom Schönheitschirurgen. Die Folge ist ein Ansturm auf die Ausbildungsstellen.

Von Gabriele Starck

Innsbruck –Die Wunschvorstellung vom Arztberuf hat sich gewandelt. „Zu meiner Zeit wollten alle dramatische Sachen machen“, erinnert sich der Chef der Uni-Klinik für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie in Innsbruck, Gerhard Pierer. Inzwischen jedoch habe sich das Interesse in Richtung Lifestyle-Fächer verlagert. Habe man zu seiner Zeit davon geträumt, Transplantationschirurg zu werden, jammerten heute die Herz-Thorax-Kliniken – und das nicht nur in Innsbruck –, dass ausgeschriebene Stellen mangels Inte­resses nicht mehr besetzt werden könnten.

Stattdessen überlaufen die jungen Medizinerinnen und Mediziner nun die Klinik für Plastische Chirurgie, um dort ihre Fachausbildung zu machen. „Auf eine Ausbildungsstelle kommen 30, 40 Bewerbungen“, erzählt Pierer. Was nach der Ausbildung dann eigentlich für genügend klinischen Nachwuchs sorgen müsste. Doch nein: Wenn Facharztstellen zu besetzen seien, könne von Ansturm keine Rede mehr sein – im Gegenteil. „Eine Klinikstelle als Facharzt hat halt nur wenig mit der Vorstellung vom Schönheitschirurgen zu tun, der vormittags Fett absaugt und nachmittags mit dem Ferrari herumfährt.“

Dabei sei die plastische Chirurgie nur zu einem minimalen Prozentsatz eine, die nicht medizinisch erforderlich, sondern nur optisch erwünscht sei. „Die plastische Chirurgie hat inzwischen die Allgemeinchirurgie ersetzt und übernimmt all ihre Aufgaben. Sie hat sich ins Zentrum der Medizin bewegt“, meint Pierer.

„Zu meiner Zeit wollten alle Ärzte dramatische Sachen machen. Heute geht es mehr in Richtung Lifestyle.“ Gerhard Pierer (Klinikdirektor Plastische Chirurgie)
© Böhm

Denn alles, was nicht den Stützapparat oder die Organe – also den Orthopäden oder den Thorax-Chirurgen – betrifft, landet in seiner Klinik. „Wir sind die Weichteilexperten“, sagt Pierer. Denn abgesehen von der Rekonstruktionsmedizin würden von seinen Ärzten alle Patienten mit chronischen Wunden, Infektionen, mit Diabetes-bedingten Problemen, Amputationen, Liegegeschwüren, Verbrennungen usw. versorgt. Die Liste ließe sich noch lange fortführen. „Und all das machen keine niedergelassenen Schönheitschirurgen“, meint Pierer.

Hier sei zudem viel Zusammenarbeit mit den anderen Abteilungen in Innsbruck und Spitälern in ganz Tirol gefragt. Mehr als 100.000 Fälle müssten jährlich mit anderen Fachrichtungen abgeklärt werden. Da es in den Bezirkskrankenhäusern nicht immer eigene Abteilungen für plastische Chirurgie gebe, bedeute das, dass all diese Patienten nach Innsbruck gefahren werden müssen. Eine große Belastung für die Betroffenen und ein kaum zu bewältigender Aufwand an der Ambulanz. Aus diesem Grund hat Pierer beschlossen, „den Arzt zu den Patienten zu schicken“ – zumindest zu jenen in Hall. Innsbruck schickt zwei Tage die Woche zwei Chirurgen ans LKH Hall, die entscheiden, ob vor Ort behandelt werden kann oder nach Innsbruck überstellt werden muss.

Das heiße aber nicht, dass die Klinikärzte in Innsbruck nicht für Schönheitsoperationen zur Verfügung stehen. Auch das biete man an. Zwar nicht mit Hotelkomponente und viel Schickimicki. Dafür aber mit notfallmedizinischer und fachlicher Absicherung, wenn Komplikationen auftreten. Denn schon des Öfteren seien solche oder Kunstfehler von außerhalb dann an der Klinik zur Reparatur gelandet. Zum anderen bringe es der Klinik Geld – was als Querfinanzierung fürs Spitalssystem nur positiv gesehen werden könne, sagt der Klinik-Chef.

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