Cameron bekräftigt: Will auch bei Brexit Premierminister bleiben

London/Wien (APA/dpa) - 24 Stunden vor dem Referendum in Großbritannien über den Verbleib in der EU hat sich der britische Premierminister D...

London/Wien (APA/dpa) - 24 Stunden vor dem Referendum in Großbritannien über den Verbleib in der EU hat sich der britische Premierminister David Cameron unsicher über den Ausgang gezeigt. „Niemand weiß, was geschehen wird“, sagte der Brexit-Gegner der Zeitung „Financial Times“. Er könne aber vor der Abstimmung am Donnerstag gut schlafen. Cameron bekräftigte, dass er in jedem Fall Premierminister bleiben wolle.

Er bereue es nicht, dass er zu dem Referendum aufgerufen habe. Die Briten sollen mit ihrem Votum entscheiden, ob sie in der EU bleiben oder austreten. Nach Umfragen ist es weiterhin offen, wie die Abstimmung am Donnerstag ausgehen wird. Alles deutet auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen hin. Viele der 46,5 Millionen Wahlberechtigten waren laut Umfragen noch vor wenigen Tagen unentschlossen.

Geht es nach Wettanbietern, ist der Ausgang des Referendums demgegenüber klar. Anders als die Wahlforscher haben die Buchmacher einen klaren Favoriten: Die Brexit-Gegner werden gewinnen. Die Wettquoten von Betfair signalisieren eine Wahrscheinlichkeit von 75 Prozent, dass die Briten am Donnerstag für einen Verbleib in der Europäischen Union plädieren werden.

Nach Angaben von Paddy Power wurden zeitweise zwar 60 Prozent der einzelnen Wetten auf einen Brexit gesetzt. Die Summe macht allerdings nur 14 Prozent des gesamten Betrags dieser Wetten aus. Vor wenigen Tagen lag die durchschnittlich gesetzte Summe für eine Brexit-Wette bei 36 Pfund, die für einen Verbleib dagegen bei 333 Pfund - das ist fast das Zehnfache. Offenbar rechnen die Brexit-Wetter selbst nicht so recht mit einem Erfolg, sonst würden sie höhere Summen setzen.

Das Pro-Brexit-Boulevardblatt „The Sun“ brachte unterdessen Queen Elizabeth II. erneut ins Spiel. „Queen fragt Dinnergäste: Nennt mir drei gute Gründe, in Europa zu bleiben“, titelte die Zeitung am Mittwoch. „Tut mir leid, Madam. Es fällt uns kein einziger ein.“

Die Zeitung hatte im März massive Kritik für den Titel „Queen unterstützt Brexit“ einstecken müssen. Die britische Medienaufsicht IPSO rügte die Schlagzeile als irreführend. „Sun“-Chefredakteur Tony Gallagher wies die Kritik laut einem Bericht des „Guardian“ (Internetausgabe) zurück. Nach Informationen aus „einwandfreien“ Quellen habe man nämlich ohne Zweifel festgestellt, dass die Königin der Meinung sei, dass man die EU verlassen solle. In ihrem nunmehrigen Bericht bezieht sich das Boulevardblatt auf Aussagen des Queen-Biografen Robert Lacey. „Die Queen hat keine Stimme, aber sie ist definitiv europaskeptisch“, wird Lacey in dem Bericht zitiert. Die seit über sechs Jahrzehnten amtierende Monarchin hält sich mit politischen Aussagen in der Öffentlichkeit eisern zurück.

Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) zeigte optimistisch, dass die Briten nicht für einen Brexit stimmen werden. Anhand jüngster Umfragen sei dies zu hoffen, meinte Kern am Mittwochvormittag am Flug zu seinem Antrittsbesuch bei der EU-Kommission in Brüssel. Aber selbst wenn Großbritannien ausscheiden sollte, sei kein Grund zu Panik gegeben. Kern befürchtet auch keinen „Dominoeffekt“ in dem Sinn, dass EU-skeptische Staaten der Reihe nach aus der Union austreten könnten.

Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil (SPÖ) warnte: „Ein Austritt des Vereinigten Königreichs wäre für die Ambitionen einer eigenständigen, unabhängigen und gewichtigen EU-Sicherheitspolitik jedenfalls ein bedeutender Rückschritt.“ Das Ergebnis der Volksabstimmung sei „zu akzeptieren“. Aber: „Ein Brexit würde jedoch die ohnehin nicht besonders stark ausgeprägte EU-Sicherheitspolitik weiter marginalisieren. Die EU ist derzeit weit weg davon, sicherheitspolitisch ein Global Player zu sein“, so der Minister in einer Stellungnahme gegenüber der APA.

Nach Ansicht des ÖVP-Delegationsleiters im Europaparlament, Othmar Karas, müsste Großbritannien seine Stimmrechte verlieren, sollten die Briten mehrheitlich für einen EU-Austritt stimmen. „Ein Land, das austreten will, das nicht mehr zur Zukunft Europas beitragen will, darf auch nicht mehr mitentscheiden“, schrieb Karas in einem Gastbeitrag für den „Kurier online“. „Wenn das Referendum negativ ausgeht, müssen wir auch über die Stimmrechte Großbritanniens im Parlament und im Rat während der Übergangsphase reden. In den Jahren, in denen der Austrittsvertrag der Briten mit der EU verhandelt würde, entstünde eine absurde Situation. Die Briten würden über EU-Gesetze mitentscheiden, die aber nicht mehr für sie selbst gelten würden. Deshalb müssten wir ihnen dieses Stimmrecht entziehen“, argumentierte Karas.

Die EU-Kommission wies Gerüchte über einen möglichen Rücktritt von Präsident Jean-Claude Juncker im Fall eines Brexit zurück. Außerdem kündigte ein Sprecher in Brüssel für Freitag eine Sitzung der drei Präsidenten von Kommission, Rat und EU-Parlament an. Juncker, Donald Tusk und Martin Schulz werden dabei ab 10.30 Uhr gemeinsam mit dem Vorsitzenden der niederländischen EU-Ratspräsidentschaft, Regierungschef Mark Rutte, über die Lage nach dem Referendum beraten.