Kolumbien: Die Kriegerinnen sind müde geworden

Medellin (APA/dpa) - Eine besondere Freundschaft: Hier ein früheres Mitglied der rechten Paramilitärs, da eine Ex-Guerillera der linken FARC...

Medellin (APA/dpa) - Eine besondere Freundschaft: Hier ein früheres Mitglied der rechten Paramilitärs, da eine Ex-Guerillera der linken FARC-Rebellen. Heute sind sie Vorkämpferinnen für Frieden in Kolumbien - der durch den nun auf Kuba beschlossen Waffenstillstand mit der FARC gute Chancen hat.

„Mi amor!“, erwidert Leidy Montoya Perez leicht tadelnd. Klar, für einen Außenstehenden ist das nicht zu begreifen, warum eine Frau, die das Leben noch vor sich hat, zur Waffe greift, töten will und in den Guerillakampf zieht. Sie will eigentlich nicht mehr darüber nachdenken: „Es schmerzt mich.“ Golden gefärbte Fingernägel, bauchfreies Top, knallenge Jeans, dicker Lippenstift. Sie hat schon rein äußerlich die Guerilla-Zeit hinter sich gelassen.

Mit zwölf Jahren wurde sie von FARC-Rebellen rekrutiert, kämpfte über ein Jahrzehnt in mehreren Einheiten, wie der berüchtigten Frente 34. Hat sie auch getötet? „Ich weiß es nicht“, sagt die heute 31-Jährige. Man habe geschossen, immer wieder, oft in unübersichtlichem Gelände im kolumbianischen Tiefland. Seit 1964 gibt es die Konflikte zwischen linker Guerilla, dem Staat und den rechten Paramilitärs - zunächst ging es um ungerechte Land- und Wohlstandsverteilung, heute oft um Geschäfte mit dem Drogenhandel. Die traurige Bilanz: Über 220.000 Tote, sechs Millionen Vertriebene. Da ist die Friedenssehnsucht groß.

Nun ist bei den seit 2012 laufenden Friedensgesprächen in Kubas Hauptstadt Havanna ein Durchbruch gelungen: Ein Waffenstillstand, die noch rund 8.000 FARC-Kämpfer sollen die Waffen niederlegen. Damit dürfte den Weg frei sein für einen Friedensvertrag, um das blutige Kapitel endgültig zu beenden - eigentlich sollte er schon bis März stehen. Aber es hakte bei grundlegenden Fragen. So fordern die FARC klare Garantien, damit verhindert wird, dass nach Niederlegung der Waffen frühere Kämpfer der rechten Paramilitärs Vergeltung an Rebellen üben.

Wie Leidy Montoya überhaupt zur FARC kam? Sie lebte in einem Dorf im Department Antioquia, rechte Paramilitärs terrorisierten die Gegend, verdächtigten Kleinbauern, mit den revolutionären Streitkräften Kolumbiens (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia - FARC) zu kollaborieren. Und der Vater war ein Trinker. „Es gab viel Gewalt zu Hause, irgendwann dachte ich, es ist besser zu gehen.“ So wurde die FARC ihre neue Familie. Und die sie bitter bekämpfenden Paramilitärs, die „Vereinigten Selbstverteidigungsgruppen Kolumbiens“ (Autodefensas Unidas de Colombia - AUC) wurden ihr Feind. Und damit auch Gloria Patricia Castaneda. Nun steht sie Arm in Arm neben Leidy.

Aus Feinden sind Freundinnen geworden. Sie hatte als katholische Missionarin gearbeitet, schlug sich mehr schlecht als recht durch, bis ein befreundeter Arzt sagte: „Hey Gloria, ich muss dir jemanden vorstellen.“ So lernte sie einen Kommandanten vom Bloque Mineros kennen und wurde Logistikerin bei den Paramilitärs, die - oft im Auftrag der Großgrundbesitzer - die FARC bekämpften, häufig zusammen mit dem Militär. Sie waren berüchtigt für ihre Hinrichtungen. 800.000 Pesos (heute 230 Euro) plus Essen waren ein lukratives Angebot.

Nach fünf Jahren hatte Gloria aber genug - und muss nun heute mit einer Kollektivschuld leben. „Ich muss mit vielen Vorurteilen kämpfen, Leute sagen mir, die Autodefensas haben meinen Bruder ermordet.“ Sie sehe die FARC immer noch als Feind, „weil sie weiter Gewalt ausüben“. Die Paramilitärs sind weitgehend demobilisiert.

Die meisten Paramilitärs legten zwischen 2003 und 2006 die Waffen nieder - wie bei den noch aktiven FARC-Kämpfern geplant, gab es eine Sonderjustiz mit maximal acht Jahren Haft, die Angehörigen der Opfer nicht gefällt. Leidy und Gloria sind an diesem Tag in der Casa de Memoria in Medellin, einem Erinnerungs- und Infozentrum zum bewaffneten Konflikt in Kolumbien. Wer die Kolumbianer mit ihrer Herzlichkeit erlebt, der Freude an laut-dröhnender Cumbia-Musik, kann schwer verstehen, warum es diese Gewalt, diesen Hass gab und gibt.

Die Casa de Memoria soll helfen, diese dunkle Epoche zu überwinden. Beide nehmen an einem Workshop teil, sie sollen als Botschafterin für den Frieden in die ländlichen Gemeinden hineinwirken. „Die Erinnerung an die Gewalt kann helfen, den Konflikt zu überwinden“, sagt die Direktorin Lucia Gonzalez Duque. „Was hat uns als Gesellschaft da hin gebracht?“ Vor allem Jugendliche und Schulklasse kämen als Besucher. „Ein ganz wichtiger Multiplikator sind die Lehrer“, betont sie - und eben Ex-Kämpfer, die die Rückkehr in ein Leben ohne Gewalt suchen.

„Das waren sehr harte Zeiten“, sagt Leidy, Tag und Nacht marschiert, ständig Regen, Angst vor Hinterhalten, das feuchtheiße Klima im Regenwald. „Irgendwann hatte ich Probleme in den Eierstöcken und der Bauch war total aufgebläht.“ Mit einem Mitkämpfer entschloss sie sich 2008, die Waffen niederzulegen. Aber auch sie fasst wie Gloria bisher nur schwer Fuß, hat keine richtige Arbeit, sie lebt wieder in ihrem kleinen Dorf Anza in Antioquia, ihr größter Schatz ist ihr Sohn Bragan (4). Und der Vater hat die Alkoholsucht überwunden.

Aber Frieden überall im Land? „Mi Amor“, sagt Leidy, die es wissen muss. „Richtigen Frieden werden wir hier nie sehen.“ Das fürchten viele: Dass viele frühere Kämpfer sich dann anderen Banden anschließen - und den Drogenhandel andere übernehmen. Die Gewalt aber bleiben wird.