Literatur

Die Unerhörte

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Ingeborg Bachmann hat Schlüsseltexte des 20. Jahrhunderts verfasst. Die Geburt der „vielleicht wichtigsten deutschsprachigen Lyrikerin“ jährt sich heute zum 90. Mal.

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Spricht man über Ingeborg Bachmann, so tut man das mit großem, um Bedeutung bemühten Ernst. Von einer beinahe exemplarischen Dichterexistenz ist dann zumeist die Rede. Von einer Künstlerin, die ihr Werk erlitten, sich dafür verausgabt hat und schließlich daran gestorben ist. Man habe die Dichterin selbst „zur Literatur gemacht“, schrieb Heinrich Böll in seinem Nachruf auf Bachmann. Natürlich hat der frühe, in seinen Details nie wirklich befriedigend aufgeklärte Tod der Dichterin – sie starb am 17. Oktober 1973 nach einem Brandunfall in einem römischen Krankenhaus – diese Legendenbildung befördert.

Geschichten freilich gab es bereits davor. Und wie so oft erzählen diese Geschichten weniger über ihren Gegenstand, also Ingeborg Bachmann, sondern viel über die, die diese Geschichten in Umlauf brachten. Und das waren zunächst einmal Männer. Männer, die sich für das Außerordentliche, eine Frau mischt mit im Männerclub, begeisterten – und die Texte mit wohltönenden Floskeln bedachten. „Schwebend und unbestimmt“ sei die „Aussage ihrer Gedichte“ wusste Der Spiegel 1954 über Bachmanns ersten Lyrik-Band „Die gestundete Zeit“ zu berichten – und interessierte sich vorrangig für die Autorin, die es prompt aufs Cover schaffte: ein „Fräuleinwunder“.

Später adelte Marcel Reich-Ranicki Bachmann zur „vielleicht wichtigsten deutschen Dichterin“, um im selben Atemzug die „gefallene Lyrikerin“ zu beweinen. Denn dass Bachmann nun auch Prosa schrieb, missfiel. Ihr großer Roman „Malina“ (1971) behagte Reich-Ranicki nicht. Erich Fried ließ wenigstens „einige Kurzgeschichten“ der Autorin gelten. Kurzum: Auf die Erzählerin Ingeborg Bachmann reagierte die Kritik verhalten. Die Entdeckung der Meisterwerke „Unter Mördern und Irren“, „Ein Wildermuth“ oder „Undine geht“ blieb späteren Generationen überlassen. 1978 erschien eine erste Werkausgabe. Die ersten zwei von 30 Bänden einer umfassenden Bachmann-Gesamtausgabe ist für November dieses Jahres angekündigt.

Dass Ingeborg Bachmann die patriarchalen Strukturen des Literaturbetriebs für die eigene Karriere zu nutzen wusste, muss freilich nicht verschwiegen werden: Hans-Werner Richter, Zeremonienmeister der „Gruppe 47“ etwa, ließ Bachmann, damals Rundfunk-Redakteurin, so lange an ihrem Schreibtisch auf ein Interview warten, dass ihm die nur scheinbar zufällig herumliegenden Gedichtmanuskripte auffallen mussten. Die Einladung zum nächsten „47er“-Treffen war danach nur noch Formsache. Dort sorgte Bachmann für Furore. In mehrfacher Hinsicht. „Wenn sie die sahen, wussten sie: Das ist eine Dichterin! Dass sie natürlich, wenn sie vorlas, immer anfing zu hauchen und unter Tränen vorlas und ihr eigentlich jedes Mal die Manuskriptblätter hinfielen, und jedes Mal stürzten die Männer, um diesem armen scheuen Reh zu helfen“, erinnert sich etwa Joachim Kaiser, Großfeuilletonist der Süddeutschen. Was Kaiser stimmungsvollen Schilderung – später ist auch noch von eifersüchtelnden Ehefrauen die Rede – hervorzuheben vergaß: Bachmanns Tränen waren echt. Beim geschriebenen Wort, der Zusammenführung von Form, Vokabular und Thema, wie es in ihrem Text „Biografisches“ heißt, hören sich Spaß und Koketterie auf. Wer dafür den Beweis führen muss, dem sei Bachmanns Frankfurter Poetikvorlesung „Probleme zeitgenössischer Dichtung“ (1959/60) empfohlen: ein Schlüsseltext des Schreibens im geschichtsversehrten 20. Jahrhundert. Man kann allerdings auch in ihre Poesie eintauchen.

Und sind das für Texte, die sich Ingeborg Bachmann abgerungen hat? Irgendwie tröstlich in ihrer Untröstlichkeit, klar, bisweilen sonnendurchflutet, bitter, aber eben nicht verbittert. Man kann autobiografische Bezüge herausarbeiten: Die in Zitaten gespiegelte unmögliche Liebe zwischen ihr und Paul Celan („Die Todesfuge“); die Verzweiflung, nachdem sich Max Frisch, der in „Mein Name sei Gantenbein“ Intimes über ihr Zusammenleben versteckte, für eine Jüngere entschied. Literaturwissenschaftlich veredelte Form von Klatsch, keine Frage. Aber über Zustand und Zeit sagt bekanntlich auch Klatsch einiges aus. Dringlich sind Bachmanns Zeilen allerdings auch ohne philologisches Bonusmaterial. Sie haben Bestand – und bewegen jedes Mal aufs neue: In einer Zeit, in der „das Unerhörte alltäglich geworden“ ist, wird „der Krieg nicht mehr erklärt, sondern fortgesetzt“, heißt es etwa im Gedicht „Alle Tage“. Wer würde dem heute, beinahe 65 Jahre nach dem ersten Erscheinen, widersprechen wollen?

Vielleicht sollte man Ingeborg Bachmanns Geburtstag, der sich heute zum 90. Mal jährt, als Anlass nehmen, um den „Mythos Bachmann“, der mit jeder vollmundigen Beschwörung an Beliebigkeit gewinnt, kurz zu vergessen – und einfach ihre Texte zu lesen und wieder zu lesen. Darin findet sich beinahe alles, was sich von Vergangenem, Gegenwärtigem und – das darf vermutet werden – Zukünftigem erfahren und erfühlen lässt. Und als E-Book, das teilte der Piper-Verlag gestern mit, gibt es Bachmanns Werke künftig auch.