Brexit - Politologin: Labour mitverantwortlich für Ausgang des Votums

London (APA) - Einer der wesentlichen Gründe für den Ausgang des EU-Referendums in Großbritannien ist nach Einschätzung der Politologin Mela...

London (APA) - Einer der wesentlichen Gründe für den Ausgang des EU-Referendums in Großbritannien ist nach Einschätzung der Politologin Melanie Sully bei der größten britischen Oppositionspartei zu finden. Die - vorwiegend für einen EU-Verbleib eintretende - Labour Party habe es nicht geschafft, „ihre eigenen Leute zu mobilisieren“, so Sully am Freitag im Gespräch mit der APA.

In Labour-Bezirken hätte die Partei mehr Wähler überzeugen können, wenn sie ihre Maschinerie wirklich ins Rennen geworfen hätte, meint Sully. „Labour war nicht richtig engagiert, die Partei vertrat eine konfuse Position.“ Parteichef Jeremy Corbyn selbst sei trotz seiner Unterstützungserklärung für einen EU-Verbleib ein wenig uneindeutig aufgetreten „und wirkte so, als würde er die EU nicht wirklich mögen“.

Am Ende sei dann klar geworden, dass es sehr schlecht laufe, und der Londoner Labour-Bürgermeister Sadiq Khan habe sich mit einem „sehr leidenschaftlichen Appell“ eingebracht. „Wenn wir das die ganze Kampagne hindurch gehört hätten, all diese Leidenschaft, die Sadiq Khan zeigte, wäre es vielleicht ein bisschen anders gekommen. Das war ein Versagen der Labour-Führung, und die Leute in der Labour Party sind total verärgert über die lockere, relaxte Haltung, die Corbyn an den Tag gelegt hat, deshalb ist er auch unter Beschuss, Verantwortung zu übernehmen.“

Der konservative Premierminister David Cameron hätte aus Sicht der Politologin in seiner Lage hingegen nicht sehr viel anders machen können, da er vor der Kampagne nicht gerade als glühender EU-Anhänger gegolten habe und sonst vermutlich ein Glaubwürdigkeitsproblem gehabt hätte. Der Wahlkampf vor dem Referendum habe für ihn mehrere Überraschungen gebracht, meint Sully.

„Er wusste, dass er ein paar Parteikollegen und Kabinettsmitglieder verlieren würde.“ Aber er habe wohl nicht damit gerechnet, einen langjährigen persönlichen Freund wie Justizminister Michael Gove an das Brexit-Lager zu verlieren und auch nicht damit, dass er den damaligen Londoner Bürgermeister Boris Johnson nicht an seiner Seite halten können würde. „Ich glaube, das hat ihn erschüttert.“

Auch scheine er überrascht gewesen zu sein, „wie wütend die Leute in der TV-Debatte waren“ und wie aggressiv das Publikum in dieser Situation ihm gegenüber gewesen sei. Erst vergangenes Jahr hatte er schließlich die Parlamentswahlen gewonnen, „und auf einmal hat er realisiert, dass da draußen ein Land voller wütender Menschen ist“.

Über den vorläufigen Verbleib Camerons im Amt des Premierministers ist die britische Expertin nicht überrascht. „Er kann nicht sofort zurücktreten, wir haben keine Vorkehrungen für einen Vizepremier, nur im Falle einer Koalitionsregierung. Alle anderen Minister sind ebenbürtig.“ Die Bestimmung eines Nachfolgers in der Konservativen Partei dürfte realistischerweise Monate dauern, und schließlich stünden die Sommerferien vor der Tür.

Dann obliegt die Kandidatenauswahl zunächst den Tory-Parlamentariern und dann erst den Parteimitgliedern insgesamt. Aus Sicht Sullys gibt es mehrere denkbare Kandidaten für die Parteiführung: darunter neben Gove und Johnson auch Innenministerin Theresa May und Beschäftigungsstaatssekretärin Priti Patel.

Wenn es Johnson bei den Parlamentariern unter die beiden bestplatzierten Kandidaten schaffe, „dann hat er eine sehr gute Chance, gewählt zu werden“, weil er bei der Parteibasis sehr beliebt sei. Doch viele Tory-Abgeordnete könnten Bedenken haben und meinen, „er wird zu sehr polarisieren, er ist zu flapsig, zu sarkastisch - einfach nicht die richtige Person, die man als Regierungschef für ernste Verhandlungen möchte“.

Generell erwartet Sully nach dem Referendum ein „komplett neues Parteiensystem“ im Parlament: „Wir haben Vertreter von Labour und den Konservativen Seite an Seite für Europa und Leute von Labour und den Konservativen gegen Europa gesehen.“ Nun könnten sich bei Abstimmungen neue Koalitionen formieren.

(Das Gespräch führte Alexandra Frech/APA)