Favoriten nehmen Außenseiter nicht auf die leichte Schulter
Tag zwei der Achtelfinalspiele: Die Iren fordern Frankreich, die Slowakei muss gegen Deutschland ran und Ungarn trifft auf Belgien.
Frankreich - Irland (15 Uhr)
Frankreichs Nationalmannschaft will sich vom K.o.-Charakter im Fußball-EM-Achtelfinalspiel vor heimischer Kulisse gegen Irland nicht beeinflussen lassen. „Das darf uns nicht hemmen“, betonte Trainer Didier Deschamps am Samstag in der Pressekonferenz im Stade de Lyon. „Dafür sind wir hier“, sagte Deschamps vor der Partie am Sonntag (15 Uhr): „Nun beginnt ein zweiter Wettbewerb.“
Die Iren überstanden zum ersten Mal eine EM-Vorrunde und wollen den Gastgeber auf dem Weg zum erhofften Titel stoppen. „Sie spielen mit viel Herz“, betonte Deschamps, „aber es ist nicht nur das. Sie haben viele gute Spieler.“ Der 47-Jährige erwähnte dabei Glenn Whelan, Jeffrey Hendrick, Wesley Hoolahan, James McCarty oder Shane Long.
Irland hat sich schon ausgiebig auf ein mögliches Elfmeterschießen vorbereitet. „Wir haben es so viel geübt, wie wir konnten“, berichtete Irlands Nationalcoach Martin O‘Neill in Lyon. Die Iren stehen zum ersten Mal in einer K.o.-Runde einer Europameisterschaft.
Die heikle Vorgeschichte mit Thierry Henrys Handspiel 2009 im WM-Play-off-Rückspiel versuchen die Franzosen zu übergehen. „Ich weiß nicht, ob sie Revanchegefühle haben. Das gehört zur Vergangenheit“, sagte Goalie Hugo Lloris, der damals bereits das Tor gehütet hatte. Seine Mannschaft sei gedanklich nur bei dem Spiel am Sonntag. Da wird Lloris die „Equipe tricolore“ zum 55. Mal als Kapitän aufs Feld führen und damit zum französischen Rekordhalter avancieren. Seit vergangenem Sonntag teilte er sich die Bestmarke mit seinem Coach Deschamps.
Deutschland - Slowakei (18 Uhr)
Deutschland hat bei der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich erstmals seit 20 Jahren die EM-Gruppenphase ohne Gegentor überstanden. 1996 in England folgte danach der bisher letzte von drei EM-Titeln. Doch vor dem Start in die K.o.-Phase am Sonntag (18 Uhr) in Lille gegen Außenseiter Slowakei warnte Torhüter Manuel Neuer vor Sorglosigkeit.
Neuer, im bisherigen Turnierverlauf statt Bastian Schweinsteiger Kapitän der Deutschen, sieht in den bisherigen EM-Auftritten in Frankreich noch keinen Grund „für Hurra-Schreie“. Seine Botschaft vor dem Achtelfinale ist klar: Nur kein Leichtsinn und keine Unvernunft. „Natürlich ist es eine andere Drucksituation. In einem Spiel kann immer alles passieren. Wir dürfen keinen Gegner auf die leichte Schulter nehmen“, forderte der Welttorhüter.
DFB-Coach Löw erwartet, dass zu der bisher gezeigten defensiven Stabilität nach vorne effektiver gearbeitet wird. Gegen Nordirland vergaben Thomas Müller und Co. etwa zehn hochkarätige Torchancen. „Wir müssen vor dem Tor zielstrebiger und konsequenter sein“, forderte der Chefcoach.
Denn auch die Slowakei wird sich wohl in erster Linie der Defensivarbeit verschreiben. „Wir brauchen einen Tag, wie wir ihn beim 0:0 gegen England hatten“, befand der verletzte Ex-Salzburger Dusan Svento. In der Außenseiter-Rolle fühlen sich die Slowaken aber wohl. „Wir haben diesmal den Vorteil, dass auf uns kein Druck mehr lastet, nachdem wir unser Ziel, das Achtelfinale, schon erreicht haben“, sagte Teamchef Jan Kozak.
Ungarn - Belgien (21 Uhr)
Marc Wilmots, Teamchef der belgischen Nationalmannschaft, hat vor dem Auftakt der K.o.-Phase der Europameisterschaft gegen Ungarn am Sonntag in Toulouse (21 Uhr) mit einer bemerkenswerten Aussage aufhorchen lassen. Er sei mit dem Sieger der Österreich-Gruppe F im Achtelfinale nicht glücklich, lieber wäre ihm ein Duell mit einer Topnation wie Spanien oder England gewesen.
„Gegen solche großen Mannschaften hast du nichts zu verlieren. Spiele wie damals bei der Weltmeisterschaft 2002 gegen Brasilien haben einfach einen besonderen Reiz.“ Gleichzeitig warnte er vor dem vermeintlich unattraktiven Gegner. „Es gibt bei dieser EM keine kleinen Teams, keine leichten Gegner. Sie haben uns in der Qualifikation dafür kritisiert, dass wir gegen Wales verloren haben. Seht euch an, wie die Waliser heute dastehen,“ erinnerte er an den „Aufstand der Außenseiter“. Die Mannschaft um Gareth Bale wäre übrigens ein möglicher Gegner im Viertelfinale.
Gegen Ungarn stehen die Belgier nun vor einer echten Bewährungsprobe. Das Team von Trainer Bernd Storck hat nach dem sensationellen Gruppensieg ohne Niederlage Lust auf mehr. Der Respekt vor Belgien ist zwar gegeben, in Ehrfurcht möchte man aber nicht erstarren. Laszlo Kleinheisler etwa, der bei Werder Bremen in der abgelaufenen Saison kaum zu Einsätzen gekommen war, kündigte an, dass man für den Fall der Fälle auch Elfmeterschießen trainieren würde.
Die Ungarn überzeugten in Frankreich bisher mit taktischer Variabilität. Bernd Storck gab allen 20 Feldspielern Einsatzminuten. Neben der Offensivpower der Belgier um de Bruyne und Eden Hazard wird auch die Abwehr eine Herausforderung darstellen. Obwohl Wilmots die Defensive aufgrund mehrerer Verletzungen im Vorfeld der EM umstellen musste, ließ man zwei Mal in Folge kein Gegentor zu.