Kosten und Zinsen: Wie aus 10.000 Euro Schulden 600.000 werden

Die Zinsspirale treibt viele Menschen in die Überschuldung, trotzdem sinkt die Anzahl der Privatkonkurse.

Symbolfoto
© Thomas Böhm / TT

Wien – Herr S. hat Anfang der 1990er Jahre eine Eigentumswohnung gekauft. Dafür nahm er umgerechnet 10.000 Euro Kredit auf. Zwanzig Jahre später hat sich die Summe, die er der Bank schuldet, versechzigfacht: auf 628.000 Euro. Dies ist einer von vielen Fällen, mit denen die staatlich anerkannten Schuldenberatungen zu tun haben. Es seien auch keine bedauerlichen Einzelfälle. „Dass es keine Obergrenzen für Zinsen und Kosten bei der Schuldeneintreibung gibt, ist ein Systemfehler. Hier sollte der Gesetzgeber dringend aktiv werden“, sagt Clemens Mitterlehner, Geschäftsführer der ASB Schuldnerberatungen GmbH, Dachorganisation der Schuldenberatungen.

Keine Obergrenzen für Zinsen und Kosten

Sobald Kreditnehmer Probleme mit den vereinbarten Raten bekommen, beginnt sich die Zinsen- und Kostenspirale schnell zu drehen. Erst ab einer Konkurseröffnung ist im Gesetz ein Zinsen- und Kostenstopp vorgesehen. Herr S. konnte seine Raten nicht bezahlen, weshalb sein Schuldenberg ganz legal immer größer und größer wurde. Viele Gläubiger beauftragen für die Schuldeneintreibung Inkasso-Dienste, die ihre Kosten ebenfalls den Schuldnern verrechnen. Häufig melden Gläubigervertreter vor Gericht Schuldenberge an, die nach genauerer Analyse schrumpfen, weil verjährte Zinsen abzuziehen sind. Die Schulden von Herrn S. waren ganz legal auf 630.000 Euro angewachsen. Doch vor Gericht erschien selbst der klagenden Bank die Kostenexplosion nicht angemessen, weshalb sie freiwillig auf 100.000 Euro reduzierte.

Wie schnell der Schuldenberg anwachsen kann zeigt die Rechnung, die der Geschäftsführer der Tiroler Schuldnerberatung Tirol Thomas Pachl aufmacht: „Verzugszinsen können bis zu 20 Prozent ausmachen. Und auch die Verfahrenskosten und Bearbeitungsgebühren sind zum Teil exorbitant.“ Kann nun ein Schuldner seinen Kredit oder sein Darlehen nicht mehr bedienen, werden aus 10.000 Euro in fünf Jahren alles in allem 32.000 Euro. Davon sind allein 5000 Euro Verfahrens- und Betreiberkosten. Das ist schlussendlich eine Verdreifachung der ursprünglichen Summe. „Was oft vergessen wird, dass es hier ja auch um den Zinseszins geht“, erklärt Pachl.

Dass der Schuldenberg exponentiell wächst, zeigt die Rechnung nach zehn Jahren. Hier sind inklusive Betreiberkosten und Verzugszinsen schon 80.000 Euro fällig. Damit haben sich die Schulden innerhalb von zehn Jahren verachtfacht.

Ausweg Privatkonkurs?

Seit 2016 befindet sich Herr S. im Abschöpfungsverfahren – die letzte Stufe im Privatkonkurs, bei der er mindestens sieben Jahre am Existenzminimum leben und mindestens zehn Prozent seiner Schulden zurückzahlen muss. Diese Mindestquote ist der Grund dafür, dass viele Privatkonkurse scheitern oder gar nicht erst eröffnet werden können – eine der Erklärungen für die stagnierende bzw. sinkende Anzahl von Privatkonkursen.

Hintergrundmaterial:

Schuldenberatung Tirol:

Tel. 0512-57 76 49

www.sbtirol.at

www.schuldenberatung.at

www.budgetberatung.at

Für Herrn S. bedeutet die Mindestquote, dass er die Entschuldung auch nach sieben Jahren nicht erreichen wird. Er schafft derzeit nur 20 Euro pro Monat, bräuchte für die zehn Prozent aber weitaus mehr. Nach mehreren Operationen am Herzen ist er nicht mehr arbeitsfähig und bezieht 867 Euro Invaliditätspension. Was er zahlt, zahlt er freiwillig aus dem eigentlich unpfändbaren Einkommen. „Nach Ablauf der sieben Jahre wird Herr S. voraussichtlich – bei derzeitiger Gesetzeslage – mit seinem Konkurs gescheitert sein und alle Schulden inklusive Zinsen leben wieder auf. Sein Schuldenberg wird noch größer sein als zuvor“, erklärt Clemens Mitterlehner. Dass Menschen zunächst durch die Zinsen- und Kostenspirale in den Abgrund stürzen und sie dann noch nicht einmal die Möglichkeit für einen Neustart haben, sei nicht zu akzeptieren. (TT.com, hu)


Kommentieren


Schlagworte