Zeit der Unsicherheit: Angezählte Airlines, Zittern bei den Banken

Noch kann niemand mit Gewissheit sagen, wie sich der Brexit auf die Wirtschaft in England, aber auch auf die EU auswirkt. Aber in vielen Branchen ist die Unsicherheit gewaltig.

Symbolbild
© Reuters

London – Der Euro und das britische Pfund haben sich am Dienstag etwas von ihren starken Verlusten nach dem Brexit-Schock vom vergangenen Freitag erholt. In der Früh kostete die europäische Gemeinschaftswährung 1,1060 US-Dollar und damit einen halben Cent mehr als am späten Vorabend. Ein Pfund war mit rund 1,33 Dollar etwa einen Cent mehr wert als am Montagabend.

Am Devisenmarkt konnten sich nicht nur Euro und Pfund, sondern auch viele andere Währungen zum US-amerikanischen Dollar erholen. Unter den besonders bedeutsamen Devisen gewannen der neuseeländische und der australische Dollar am stärksten.

Volatilster Tag in der jüngeren Geschichte

Das für die viel Investoren überraschende Ergebnis des Brexit-Referendums Ende vergangener Woche hat zu den heftigsten Kursschwankungen bei Devisen in der jüngeren Geschichte geführt, so das deutsche Handelsblatt. Nach einer Analyse von Bank of America Merrill Lynch (BofA ML) erreichte das Auf und Ab zwischen den zehn bedeutendsten Währung der Welt eine Dimension, die mindestens seit 1984 nicht erreicht wurde. Freitag, der 24. Juni, sei „der volatilste Tag in der jüngeren Geschichte“ gewesen, so die Devisenexperten der Bank.

Das Pfund war in der Nacht von Donnerstag auf Freitag von knapp über 1,50 Dollar bis auf 1,32 Dollar gefallen, auch andere Währungspaare zeigten heftige Bewegungen. So verlor etwa der Euro mehr als drei Prozent zum Dollar.Das letzte Mal, dass es an einem Tag annähernd ähnlich heftige Schwankungen gegeben habe, sei auf dem Höhepunkt der globalen Finanzkrise im Jahr 2008 gewesen, so BofA ML. Derzeit deute sich zwar keine Krise an, aber Investoren sollten vor den Schwankungen gewarnt sein und sich gegebenenfalls absichern.

Britischer Minister trifft sich mit Vertretern der Wirtschaft

Die britische Regierung versucht fieberhaft, die wirtschaftlichen Schäden und Folgen des Brexit-Votums in Grenzen zu halten und zu kontrollieren. Wirtschaftsminister Sajid Javid traf sich mit Managern und Verbandsvertretern, um mit Blick auf die anstehenden Trennungsverhandlungen mit der EU auszuloten, wie die Interessen der britischen Wirtschaft am besten gewahrt werden können. Auch Premierminister David Cameron will mit Vertreter der Geschäftswelt über die Folgen des Brexit sprechen. Cameron und Finanzminister Osborne hatten stets für einen Verbleib des Landes in der EU geworben.

Osborne sagte am Dienstag, an höheren Steuern und geringeren Ausgaben werde kaum etwas vorbeiführen. Die Phase der Zurückhaltung bei Investitionen und Neueinstellungen in Großbritannien müsse zudem so kurz wie möglich gehalten werden. Er kündigte eine Fortführung der Budgetkonsolidierung an, mit der das Defizit von über zehn auf zuletzt 4,4 Prozent gesenkt worden ist.

Das Ja der Briten zum Austritt aus der Europäischen Union hat die meisten Unternehmenslenker in tiefe Verzweiflung gestürzt. Für sie hat eine Zeit der Unsicherheit begonnen - und außerdem ist es unsicher, wie lange diese Periode dauern wird. Bestimmte Branchen auf der Insel sind voraussichtlich besonders betroffen.

Banken als größte Verlierer

Die Geldinstitute sind erstmal einer der größten Verlierer des Brexit-Votums. Sie beschäftigen in Großbritannien mehr als eine Million Menschen; der Finanzplatz London wickelt ein Fünftel aller Finanztransaktionen weltweit ab.

Ohne privilegierten Zugang zum gemeinsamen Markt der Europäischen Union verliert London einen wichtigen Vorteil für asiatische und US-Banken, die sich auch wegen der Sprache gerne in Großbritannien angesiedelt hatten. Der EU-Pass erlaubte es den Banken in London, ohne weitere Genehmigungen ihre Dienstleistungen in allen Mitgliedsländern der EU zu verkaufen.

Airlines rechnen mit weniger Passagieren

Derzeit dürfen die britischen Fluggesellschaften wie die British-Airways-Mutter IAG oder Easyjet in jedes EU-Mitgliedsland fliegen und auch innerhalb dieser Länder Flüge anbieten. Ein Brexit kann bedeuten, dass die Airlines erst einmal aus diesem gemeinsamen Luftraum fliegen, der European Common Aviation Area. Das würde höhere Gebühren und für die Kunden höhere Preise nach sich ziehen.

Die Fluggesellschaften rechnen wegen der unmittelbaren Folgen des Brexit-Votums mit deutlich weniger Passagieren - das schwache Pfund wird viele Briten von einem Urlaub im Ausland abhalten. Auch der Treibstoff, zahlbar in Dollar, verteuert sich dadurch für die Airlines. IAG und Easyjet haben ihre Prognosen für dieses Jahr schon gesenkt. Auch Ryanair mit Sitz in Irland wird leiden - das Unternehmen macht bis jetzt mehr als ein Viertel seines Umsatzes in Großbritannien.

Immobilienmarkt rechnet mit Preissturz

Die Preise für Immobilien, vor allem in London, dürften stark nachgeben - allein die Banken brauchen weniger Büroraum und Wohnraum für die Mitarbeiter. Der Branchendienst Hometrack rechnet nach dem „externen Schock“ der Abstimmung mit einem Preissturz um bis zu 20 Prozent.

Das Immobilienunternehmen Foxtrons gab am Montag eine Gewinnwarnung heraus. Leidet der Immobilienmarkt, leidet auch die Bauwirtschaft.

Automobilindustrie könnte Insel verlassen

Die Hersteller von Autos und Autoteilen auf der Insel werden am meisten unter den Folgen des Brexit-Votums leiden, sagen Branchenexperten. In Großbritannien sind Nissan und der Besitzer von Jaguar und Land Rover, Tata, tätig. BMW fertigt den Mini und Rolls Royce, Toyota ist in Großbritannien und General Motors mit der Opel-Schwestermarke Vauxhall.

Der britische Automarkt repräsentiert laut Analysten zwar nur einen Anteil von zwei bis drei Prozent weltweit. Doch hier werden teurere und mehr Oberklassewagen gefertigt - für die europäischen Zulieferer schätzen die Analysten den Anteil des britischen Marktes eher auf vier bis neun Prozent.

Das Brexit-Votum wird nach Meinung der einen dafür sorgen, dass die Autohersteller die Insel verlassen. Nach Meinung der anderen wird die Branche dagegen florieren, weil der Wert der Währung schwach ist - und die Exporte daher günstiger für die Käufer auf dem Festland.

Hightech-Branche verliert Zugang zu qualifizierten Bewerbern

Die Hightech-Branche sorgt sich vor allem um ihren Nachwuchs. Wenn das Arbeiten in Großbritannien für Ausländer schwieriger wird, dann dürften den Unternehmen bald viele qualifizierte Bewerber ausgehen. Der Bundesverband deutsche Start-ups erklärte schon am Freitag, „die deutsche Start-up-Hauptstadt Berlin ist der Gewinner des Brexit, London der Verlierer“.

Exportunternehmen profitieren

Firmen, die Waren ausführen, dürften von einem schwachen Pfund profitieren - es macht die Produkte im Ausland günstiger. Analyst Erik Nielsen von UniCredit dämpft die Hoffnung: „Die weltweite Nachfrage, besonders die nach britischen Produkten, stagniert. Der Effekt dürfte begrenzt sein.“

Brexit gefährdet mittelfristig auch andere Länderratings

Die Ratingagentur Fitch erwartet nach dem Brexit-Votum der Briten auch Rückschläge für andere europäische Volkswirtschaften. Die Belastungen dürften zwar nicht so groß ausfallen wie die für das Vereinigte Königreich selbst, erklärten die Fitch-Experten am Dienstag. Mittelfristig könnten sich aber auch die Bonitätsbewertungen für andere Länder verschlechtern.

Der Austritt aus der EU wird nach Einschätzung der Analysten dazu führen, dass die Exporte ins Königreich zurückgehen. Davon dürften insbesondere Irland, Malta, Belgien, die Niederlande, Zypern und Luxemburg betroffen sein, erläuterte Fitch. Eine weitere Gefahr bestehe in den politischen Risiken, die der Brexit europaweit nach sich ziehe. Unter anderem könne eine Stärkung populistischer Parteien dazu führen, dass umstrittene Vorhaben zur Ankurbelung der Wirtschaft erschwert werden.

Auch Rückschläge für andere europäische Volkswirtschaften

Die Ratingagentur Fitch erwartet nach dem Brexit-Votum der Briten auch Rückschläge für andere europäische Volkswirtschaften. Die Belastungen dürften zwar nicht so groß ausfallen wie die für das Vereinigte Königreich selbst, erklärten die Fitch-Experten am Dienstag. Mittelfristig könnten sich aber auch die Bonitätsbewertungen für andere Länder verschlechtern.

Als Reaktion auf den Ausgang des Referendums hat Fitch - ebenso wie die Konkurrenzagentur Standard & Poor‘s (S&P) - bereits das Rating für Großbritannien gesenkt. (APA, AFP, Reuters, dpa, tt.com)


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