Ein Folterer trifft auf einen Serienmörder

Alberto Rodriguez erzählt in seinem preisgekrönten Thriller „Marshland” wie nebenbei von den Folgen der Franco-Diktatur.

© Polyfilm

Innsbruck –Fünf Jahre nach dem Tod des Diktators war Spanien 1980 noch immer ein zerrissenes Land. Auf den Straßen bekämpften sich Demokraten und Anhänger des toten Caudillo. Als der Polizist Pedro (Raúl Arévalo) für eine Morduntersuchung im andalusischen Delta ein Hotelzimmer bezieht, ist seine erste Amtshandlung die Abnahme eines Kreuzes mit dem Porträt Francisco Francos.

Solche Maßnahmen beobachtet sein Kollege Juan (Javier Gutiérrez) mit Widerwillen, denn vor einigen Jahren war er noch einer der Folterer des Regimes. Trotz aller Verachtung für diese Ära weiß Juan dennoch die drakonischen Verhörmethoden zu schätzen, denn in dieser rückständigen Gegend gelten Polizisten aus Madrid als Vertreter der Obrigkeit, egal, aus welcher politischen Richtung der Wind weht. Beide sehen diese Ermittlung zudem als Strafversetzung, der sehnliche Wunsch, mit einer Erfolgsmeldung diesem Sumpfgebiet zu entkommen und in die Metropole zurückkehren zu dürfen, macht sie zu Komplizen. Das Verbrechen – zwei Schwestern wurden brutal misshandelt, vergewaltigt und ermordet – lässt zwar die Mitarbeit von Angehörigen und Bevölkerung erwarten, doch die Männer wollen und die Frauen dürfen nichts sagen. Es sind in der Folge Frauen, die den Polizisten Hinweise zustecken und Beweise für andere Verbrechen liefern. Diese Verbrechen wie Drogenhandel und Schmuggel sind die einzigen Modernisierungsmaßnahmen an den Ausläufern des Guadalquivir als Folge der Diktatur, die zum Machterhalt nur den Adel und die Großgrundbesitzer bevorzugt hat. In dieser von der Feudalzeit übernommenen Tradition müssen die Polizisten Auslöser und Motive für alles Abscheuliche suchen, denn die beiden Opfer sind nur die letzten einer langen und verschwiegenen Serie von Gewaltverbrechen. Betroffen waren immer nur junge Frauen, die den gesellschaftlichen Verhältnissen, der Enge entfliehen wollten.

In Spanien ist die Liste jener Filme, die sich mit der Geschichte (80 Jahre nach dem Bürgerkrieg) und den Folgen des Franco-Regimes auseinandersetzen, noch immer überschaubar. Alberto Rodriguez hat für seine Annäherung in „Marshland” (Originaltitel: „La isla mínima”) die Form des Krimis gewählt, der sich schon immer zur Beschreibung sozialer Zustände angeboten hat. Pedro kann zwar die Serienmorde aufklären, während er Dokumente über Verbrechen des Regimes vernichtet, um die eigene Zukunft und die des Landes nicht zu gefährden. Dieser deprimierende Kompromiss spiegelt auch die offizielle Politik Spaniens, die sich, je nach Wahlausgang, einmal mehr und einmal weniger um Aufklärung bemüht. Alberto Rodriguez und sein Film wurden im vergangenen Jahr zwar mit zehn Goyas, den spanischen Filmpreisen, ausgezeichnet, die Zuwendung der Kinogeher hielt sich dagegen in Grenzen. (p. a.)

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