„Frühstück bei Monsieur Henri“: Die Schmerzen des Lebens
In Ivan Calbéracs „Frühstück bei Monsieur Henri“ zeigt mit Claude Brasseur einer der Meister des französischen Kinos nach langer Pause noch einmal seine Schauspielkunst.
Von Peter Angerer
Innsbruck –Obwohl sich Constance (Noémie Schmidt) als Komponistin und Pianistin sieht, muss sie am Marktstand ihrer Eltern in der Provinz Gemüse verkaufen. Sie profitiert von ihrer einnehmenden Art, weshalb sich Kunden kaum beschweren, wenn sie nicht genau das erhalten, was sie bestellt haben. Nur für ihren Vater ist Constance eine Niete, die nichts auf die Reihe kriegt. Aus den Demütigungen ist irgendwann ein Rucksack geworden, den das Mädchen schultert, um in Paris als Literaturstudentin ihr Glück zu suchen. Die Preise für einschlägige Unterkünfte sind in der Metropole unerschwinglich, weshalb sie als Untermieterin in die Großbürgerwohnung des ehemaligen Steuerberaters Monsieur Henri (Claude Brasseur) zieht. Der Pensionist würde sogar auf die Miete verzichten, wenn die Studentin in der Lage wäre, Henris Sohn Paul (Guillaume de Tonquédec) davon zu überzeugen, dass er mit der falschen Frau verheiratet ist, denn Henri kann die bigotte Valérie (Frédérique Bel) nicht leiden.
Hinter dem unmoralischen Angebot an der Grenze zur Prostitution verbirgt sich allerdings eine Familientragödie, die Constance an ihre eigene Geschichte des Scheiterns erinnert. Ohne eine Beziehung zu Zahlen zu haben, musste Paul die Kanzlei des Vaters übernehmen, der sich seinerseits „als Gefangener der Steuerberatung“ betrachtete. Paul hat sich daher in die Literatur geflüchtet und ist zu einem Liebhaber von Hermann Hesse geworden, dessen „Knulp“ er auswendig rezitieren kann. Das dunkelste Geheimnis liegt jedoch auf dem Klavier, das – seit dreißig Jahren versperrt – für Constance das einzige Tabu in der Wohnung darstellt. Als die verhinderte Pianistin den Schlüssel findet, den Deckel von den Tasten hebt und Bach zu spielen beginnt, wird nach dem Wutausbruch in den Augen Henris der Schmerz eines versäumten Lebens sichtbar. Claude Brasseur, der vor einem Monat 80 Jahre alt wurde, zeigt in diesem langen Moment aber auch viel von sich als einem der wichtigsten Protagonisten der französischen Filmgeschichte.
In Jean-Luc Godards Film „Die Außenseiterbande“ stürmte Brasseur 1964 mit Anna Karina und Sami Frey durch den Louvre, um mit neun Minuten und 43 Sekunden den Weltrekord in der Jagd durch die Kunstgeschichte aufzustellen. In einer Bar tanzen sie den Madison, bevor Brasseurs Figur bei einer Schießerei ums Leben kommt. Erst 1986 tauchte Brasseur wieder in einem Godard-Film („Detective“) auf, so wie er bei fast allen großen französischen Regisseuren wie Claude Sautet („Eine einfache Geschichte“) nur in ein oder zwei Filmen zu sehen war. Die kommerziell erfolgreichsten Arbeiten Brasseurs waren ohnehin Nichtigkeiten wie „La Boum – die Fete“ (1980), wo er den Vater von Sophie Marceau spielte. Als er 1986 den alkoholkranken Ehemann Marceaus in „Abstieg zur Hölle“ spielte, wollte den Film außerhalb Frankreichs niemand sehen. Aber Brasseur fühlte sich auf den Theaterbühnen besser aufgehoben und zudem beanspruchte ihn seine andere Leidenschaft – Autorennen. 1983 gewann er mit Jacky Ickx die Rallye Paris-Dakar.
Aber welche Bilder auch immer Claude Brasseur bei diesem Adagio an sich vorbeiziehen lässt, sein Monsieur Henri rafft sich noch einmal auf, um längst verdorrte Gefühle neu zu beleben und Constance zu retten. Ohne Pathos und ohne ein Wort zu verlieren, kümmert er sich um eine Balance, die sich vor Jahren verschoben hat. Dass daraus kein Rührstück wird, liegt auch an der jungen Schweizerin Noémie Schmidt, die in „Die Studentin und Monsieur Henri“ (Originaltitel) ihren ersten Kinoauftritt absolviert und damit einer leuchtenden Zukunft entgegensieht.
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