Neue Lieder von Liebe und Hass
Michael Kiwanuka, der britische Shootingstar des Soul, legt sein lang ersehntes zweites Album „Love & Hate“ vor.
Von Silvana Resch
Innsbruck –Ein Spaghettiwestern-Soundteppich wird ausgebreitet, Frauenchöre schrauben sich hoch, Pink-Floyd-Gitarren werden ausgepackt, dann, nach langen fünf Minuten, Handclaps und endlich Michael Kiwanukas Stimme: „Bleeding, I’m bleeding/ My cold little heart.“ In diesem mehr als 10-minütigen Songepos klagt der Brite – mit einer an Isaac Hayes oder Sam Cooke gemahnenden Intensität – sein Liebesleid; ein bombastischer Auftakt zum neuen Album, dem Produzent Brian Burton alias Danger Mouse deutlich seine Handschrift verliehen hat. Burton, der zuletzt auch den Red Hot Chili Peppers einen erfrischenden Sound-Anstrich verpasst hat, musste Kiwanuka erst aus einer musikalischen Depression holen. Dem Riesentalent (Gewinner der BBC-Umfrage Sound of 2012) war nach seinem schönen Retro-Soul-Folk-Debüt „Home Again“ 2012 der ganze Trubel zu viel geworden. Das bei Kritik und Publikum gleichermaßen erfolgreiche Album hatte auch Kanye West auf den vielversprechenden Briten aufmerksam gemacht. Doch die Aufnahmen zu „Yeezus“, Wests bahnbrechendem sechsten Album, wurden für Kiwanuka zum verstörenden Erlebnis. West hatte nicht einen Ton von dem mit Kiwanuka produzierten Material verwendet. Er habe nicht gewusst, was sich der US-Star erwartet hatte, sagte Kiwanuka in einem Interview mit dem britischen Evening Standard, er habe nicht einmal gewusst, warum West ihn überhaupt ins Studio geholt hatte.
Bald danach wollte der heute 29-Jährige alles hinschmeißen. Doch in Zusammenarbeit mit Danger Mouse, der ebenfalls bei dem Singer/Songwriter angeklopft hatte, ist ein prächtiger Nachfolger zu „Home Again“ entstanden. Ging es auf dem Debüt noch um das Nach-Hause-Kommen, wagt sich Kiwanuka auf „Love & Hate“ hinaus in die Welt – eine für einen jungen Briten mit ugandischen Wurzeln durchaus feindselige Welt. „I’ve been told all my life/I’ve got nothing here to pray“, heißt es in der Southern-Blues-Nummer „Black Man in a White World“. Ein tieftrauriger, nur scheinbar resignativer Song, der im Uptempo daherkommt: „I’m in Love but I am still sad/ I found peace but I’m not glad“, heißt es in dem vom jungen Briten Inflo produzierten Song. Keinen Trost findet er in der Liebe, Kiwanuka geht mit sich selbst hart ins Gericht. „I’m a man that belongs alone“, erklärt der für sein Alter seltsam müde Sänger in „Falling“.
Bittersüße 55 Minuten bereitet Kiwanuka dem Hörer, die Retro-Soul-Klanglandschaften werden immer wieder von seiner rockigen Gitarre aufgemischt. Der eine oder andere Hit dürfte dabei abfallen, etwa das von Bläsern befeuerte „One More Night“. Mit „Love & Hate“ legt Kiwanuka erneut ein schönes Konsens-Album vor, eines, das auf künftige Meisterwerke hoffen lässt.
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