Geschmeidige Studie in gesetzten Farben
In Yasmina Rezas „Kunst“ streiten drei Freunde über guten Geschmack und den ganzen Rest. Das überaus populäre Stück ist derzeit im Kellertheater zu sehen.
Von Joachim Leitner
Innsbruck –Um Kunst geht es in Yasmina Rezas Komödie „Kunst“ nicht. Das unschuldig weiße Kleinformat, das sich Dermatologe Serge (Johann Nikolussi) für eine Unsumme in die Wohnung stellt, ist Auslöser, nicht Ursache für alles, was folgt. Ein Ventil, durch das über Jahre aufgestauter Druck – die größeren und kleineren Enttäuschungen einer Freundschaft – das Weite sucht.
Marc (Stephan Lewetz), stolzer Selbstdarsteller und geerdeter Luftfahrtingenieur, hält das Bild für farbbefreite Stümperei: „Weiße Scheiße“. Und nimmt es zum Vorwand, um Serge ganz anderer Vergehen zu bezichtigen. Yvan (Hans Danner), neuerdings Papierhändler und angehender Ehemann, kann monochromem Modernismus auch wenig abgewinnen, möchte allerdings konziliant die Wogen glätten, wird dafür „serviler Speichellecker“ geschimpft – und treibt den Konflikt vollends in die Entgrenzung. Bewährte Streitbeilegungstechniken – „Schwamm drüber, essen gehen“ – jedenfalls greifen nicht mehr. Es wird weiter gestritten, Und wie. Über sozialen Status, guten Geschmack, schlechte Eigenschaften, Befindlichkeiten, Befürchtungen und Belanglosigkeiten.
Wobei: Was wie schnittiger Boulevard daherkommt, gewinnt mit jedem Wortwechsel an Gewicht. Schwerfällig wird es dadurch aber nicht. Im Gegenteil: Die Balken biegen sich, des Anstands Firnis ächzt gewaltig. Hier geht es – wie gesagt – nicht um Kunst. Es geht um alles: Begehren und Behauptung, Gott und die Welt.
Manfred Schild inszeniert Rezas seit seiner Uraufführung 1994 auch hierzulande vielgespieltes Stück im Kellertheater als ganz auf seine großartigen Darsteller zugeschnittenes Schauspiel. Geschmeidige Studien in gesetzten Farben (Bühne: Lisa Behensky; Kostüm: Andrea Spiegel): luzides Herumlümmeln, schlecht getarntes Entsetzen, verzweifeltes Lachen, leere Blicke, bildungsbeflissenes Schwadronieren – und die Realitätsflucht nach vorne. Kurz: ein Kunststück.
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