Haller: „Die Häufung derartiger Taten ist beängstigend“
Innsbruck – Die Frage nach dem Warum – wie kann ein Mensch so etwas tun? Der bekannte Gerichtspsychiater Reinhard Haller muss sich beruflich...
Innsbruck –Die Frage nach dem Warum – wie kann ein Mensch so etwas tun? Der bekannte Gerichtspsychiater Reinhard Haller muss sich beruflich damit beschäftigen. Aber auch er gibt zu: „Die Häufung derartiger Taten zuletzt ist beängstigend. Besorgniserregend.“ Doch wie kommt es dazu, dass jemand im Zug völlig unbekannte und unbeteiligte Menschen attackiert oder mit einem Lkw in friedlich feiernde Besucher fährt und damit 84 Menschen tötet?
Diese Frage müsse man durchaus weiter fassen, sagt der Vorarlberger Gerichtspsychiater. Schon seit Jahren würden er und andere Experten eine sich stark verändernde Gesellschaft bemerken. „Psychologisch betrachtet sind das Narzissten, die sich denken: ‚Mir geht es schlecht. Jetzt soll es anderen Menschen auch schlecht gehen.‘ Diese Narzissten haben einen Hass auf die heile Welt.“ Und bei der Beurteilung der Täter müssten gleich mehrere Dinge in Betracht gezogen werden – wobei Haller explizit erklärt, dass jeder Fall natürlich einzeln zu betrachten sei.
„Bei der Beurteilung der Täter muss man als Erstes schauen, ob Drogen im Spiel war. Als Zweites gilt es zu beurteilen, ob sich in der Jugend eine Psychose manifestiert hat. Und als Drittes, ob man es mit einem offensichtlich fanatisierten jungen Mann zu tun hat.“ Ein solcher Täter wisse natürlich, dass das, was er tut, nicht richtig sei. Aber: In der eigenen privaten Wertehaltung werde das zur Seite geschoben. Die ideologische Idee sei „wichtiger“.
Haller weist diesbezüglich seit Jahren auf die Gefahr von Kränkungen hin. „Wir leben in einer narzisstischen Zeit. Seit der digitalen Wende sind wir in einer Welt, in der das Ich enorm wichtig ist. In der es essenziell ist, sich selbst darzustellen. Dem gegenüber steht, dass man immer weniger aushält. Eine andere Meinung ist schon eine enorme Beleidigung.“ Dies seien Kennzeichen der Gesellschaft und dieser narzisstische, egozentrische Geist der gesellschaftliche Hintergrund solcher Taten. Diese seien nicht nur auf Amokläufe beschränkt. Auch wenn jemand in Beziehungstaten ausraste, sei dies klares Zeichen dafür, dass jemand mit Kränkungen nicht klarkomme.
„Selbstmordattentate sind, so traurig das klingen mag, in Mode. Wir werden noch eine Zeit lang damit leben müssen. Und dann hoffen wir, dass es wieder aus der ‚Mode‘ kommt“, sagt Haller. Ein derartiger Anschlag sei eine Form der narzisstischen Selbstdarstellung, „Narzissmus in Reinkultur“. Diese krankhaften Eigenschaften, so sagt der Gerichtspsychiater, seien in unserer Gesellschaft viel zu stark geworden. Denn in Wirklichkeit sind diese Narzissten „unglaublich verletztlich und werden nicht mit einer Kränkung, woher die auch immer kommen mag, fertig“. (mw)