Frankreich kämpft nach Nizza gegen „Terrorismus von nebenan“
Nizza (APA/dpa) - Er war lange Zeit nicht religiös, aß Schweinefleisch, trank Alkohol, konsumierte Drogen und führte ein ausschweifendes Sex...
Nizza (APA/dpa) - Er war lange Zeit nicht religiös, aß Schweinefleisch, trank Alkohol, konsumierte Drogen und führte ein ausschweifendes Sexualleben. Mohamed Lahouaiej Bouhlel hatte offensichtlich auch Geldprobleme; eine Bank verweigerte ihm einen Verbraucherkredit von 5.000 Euro. Der mutmaßliche Nizza-Attentäter entspricht so gar nicht gängigen Klischees über islamistische Gewalttäter.
Nach dem Anschlag auf der Prachtstraße Promenade des Anglais mit 84 Toten werden täglich neue Einzelheiten über den Angreifer bekannt, der im Kugelhagel der Polizei starb. Der 31-Jährige galt zwar als gewalttätig gegen seine Frau und seine Kinder und interessierte sich zumindest kurz vor der Tat für den Jihadismus. Er war aber nach bisherigen Erkenntnissen kein Kämpfer der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS), obwohl der IS das beispiellose Blutbad in der Ferienmetropole am Mittelmeer für sich reklamierte.
In Frankreich bleiben nach der Attacke vom 14. Juli neben Trauer auch Wut und Angst. Denn es gibt die Sorge, dass der „Terrorismus von nebenan“ neue Opfer fordern könnte. Dieser Begriff machte schon nach dem Doppelmord an einem Polizistenpaar im Pariser Umland während der Europameisterschaft die Runde. Ein Täter aus einem nahegelegenen Ort passte den Beamten mit einem Messer vor dessen Haustüre ab.
„Es handelt sich um eine neue Variante bei den Terrortaten, die unser Gefühl der Unsicherheit verstärkt“, resümiert der Radikalisierungsexperte Fehti Benslama in der Tageszeitung „Le Monde“ vom Dienstag.
Ein gemieteter Lastwagen, ein den Geheimdiensten unbekannter Täter, ein riesiges Volksfest - bisherige Muster der Überwachung seien außer Kraft gesetzt, meint der Pariser Universitätslehrer für Psychopathologie. Extreme Gegenreaktionen könnten Grundlagen des Rechtsstaates und den Zusammenhalt des Staates aushebeln, warnt er.
Die Ermittler haben Hinweise, dass sich der Lieferwagenfahrer erst in jüngster Zeit radikalisierte. Der Angreifer ließ sich einen Bart wachsen und wies auf dessen religiöse Bedeutung hin, wie der Anti-Terror-Staatsanwalt Francois Molins berichtete. Allerdings habe er sich schon vor Monaten Enthauptungs-Videos angeschaut. Als ihn ein Bekannter darauf ansprach, habe er geantwortet: „Ich bin daran gewöhnt.“
In den Tagen unmittelbar vor dem Anschlag recherchierte Bouhlel fast täglich im Internet und suchte beispielsweise nach Videos religiöser Gesänge, die islamistische Terrororganisationen zur Propaganda einsetzen. Im Fotoarchiv des Computers waren Bilder von Leichen gespeichert. Innenminister Bernard Cazeneuve sagte, der Mann habe sich anscheinend sehr schnell radikalisiert. Er sprach von einem „neuen Anschlagstyp“, der die Schwierigkeit des Kampfes gegen den Terror zeige.
Molins benutzt diesen Ausdruck zwar nicht, aber man könnte beim derzeitigen Ermittlungsstand von einer Art Selbstradikalisierung sprechen. Die Ermittler stellen ernüchtert fest, dass ein Attentäter nicht mehr zur Kriegsausbildung nach Syrien fahren und danach von einer Terrororganisation präzise beauftragt werden muss, um in Frankreich einen Anschlag zu verüben und unschuldige Menschen in den Tod zu reißen. „Die Radikalisierung kann umso schneller erfolgen, wenn sie sich an verwirrte Personen richtet oder an Menschen, die von extremer Gewalt fasziniert sind“, meint Molins.
Seine Einsichten könnten auch für Deutschland von Belang sein. Auch bei der Axt- und Messerattacke eines jungen Afghanen in einem Regionalzug bei Würzburg gibt es den Verdacht der Selbstradikalisierung.
Der Psychoanalytiker Benslama weist darauf hin, dass terroristische Gewalttäter bekannt und anerkannt werden wollen. Sie kennzeichneten ihre Zerstörungen, um rasch identifiziert zu werden. „Deshalb kann man sagen, dass die Kommunikation zur Fortsetzung des Terrors mit anderen Mitteln wird“, sagte der Experte „Le Monde“. Er rief Medien zur Zurückhaltung bei der Berichterstattung über Attentäter auf - so sollten sie beispielsweise nicht ihre Fotos veröffentlichen.
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