Würzburg-Attacke - Internationale Pressestimmen
Würzburg (APA/dpa/AFP) - Zu dem Axt-Angriff in einem Zug bei Würzburg und dessen Auswirkungen auf die deutsche Politik und Gesellschaft schr...
Würzburg (APA/dpa/AFP) - Zu dem Axt-Angriff in einem Zug bei Würzburg und dessen Auswirkungen auf die deutsche Politik und Gesellschaft schreiben die Zeitungen am Mittwoch:
„Der Tagesspiegel“ (Berlin):
„Nach einer solchen Attacke tönt es aus der Ecke der Flüchtlingsgegner: Seht ihr! Wir hätten diese Menschen gar nicht erst einreisen lassen sollen! Doch erstens ist ein Zusammenhang zwischen Aufnahmepolitik und erhöhtem Sicherheitsrisiko keineswegs bewiesen. Und zweitens ruft ein solcher Einwand bloß den Peer-Steinbrück-Reflex wach - hätte, hätte Fahrradkette. Denn nun sind die Geflüchteten hier, sie massenhaft abzuschieben, verbietet allein schon das Recht. Zu der gesellschaftlichen Großaufgabe, sie integrieren zu müssen, gibt es keine Alternative.“
„Stuttgarter Zeitung“:
„Die Täter von Orlando, Nizza und Würzburg haben, soweit bekannt, mehr Ähnlichkeiten mit Amokläufern als mit Terroristen. Die scheinbare Sinn- und Aussichtslosigkeit ihrer Existenz drängt sie in ihrem Wahn auf ein öffentlich inszeniertes Ende, einen Selbstmord mit Widerhall. Garniert wird dieser Irrsinn mit religiösem Tand aus dem Fundus des Dschihadismus - eine Fahne, ein ‚Allahu Akbar‘-Ruf, ein Handyvideo. Es gibt bei diesen Tätern keine fundierte Ideologie, keine ausgefeilte Planung, keine Absprachen. Dankbar reklamiert der sogenannte ‚Islamische Staat (IS)‘ deren Untaten für sich, um sich aufzuplustern.“
„Kölner Stadt-Anzeiger“:
„Dass der IS über seine Nachrichtenagentur - über so etwas verfügen Terroristen im Internet-Zeitalter - die Tat für sich reklamiert, folgt einem fast pragmatischen Reflex. Ist es nicht die Forderung der Islamisten, dass jeder an seinem Ort Ungläubige töten soll? Gestern Nizza, heute Würzburg. Und stärkt das nicht die Macht der Terroristen, ihre Herrschaft über die Herzen, Köpfe und Seelen der Menschen? Da reklamiert man lieber eine Bluttat zu viel für sich als eine zu wenig. Diese Macht ist nur in Teilen real und unmittelbar. Sie beruht ganz wesentlich auf Verunsicherung, auf Ängsten und Fantasien. Es ist eine Macht, die nicht nur, aber auch in unseren Köpfen entsteht.“
„Corriere della Sera“ (Mailand):
„Der Angriff mit Axt und Messer hatte nicht den dramatischen Effekt wie die Anschläge in Frankreich oder Belgien. Aber für die öffentliche Meinung in Deutschland wird er tiefgreifende Auswirkungen haben. (...) Der Angriff in dem Zug in Bayern ist ein Hinterhalt, der sich tief in das Bewusstsein der Deutschen eingraben kann. Auch in das der Offensten und der Freimütigsten (Mitglieder) der Gesellschaft. Und er kann die Kanzlerin in die gleichen Schwierigkeiten bringen, wie die Ereignisse der Silvesternacht in Köln.“
„Neue Zürcher Zeitung“:
„Das nächtliche Grauen im Regionalzug ist ein Zeichen dafür, dass sich Deutschland verändert hat, und nicht so, wie sich die Bundeskanzlerin das mit ihrer ‚Willkommenskultur‘ vorgestellt haben mag. Wie schon nach der Neujahrsnacht in Köln und anderen Städten machen sich Angst und Schrecken breit, und wieder stehen muslimische Einwanderer im Fokus. Das lässt sich nicht einfach ignorieren, es wird politische Auswirkungen haben. (...)
Ein Gewaltakt wie jener im Regionalzug verbreitet Angst. Misstrauen macht sich breit, wenn im Zug fremdländische Menschen sitzen. Das Bedürfnis der Bürger nach gefühlter Sicherheit steigt. Dem muss die Politik entgegenkommen, durch höhere Investitionen in die Sicherheit, durch demonstrative Präsenz und durch das Bemühen, die Einwanderung unter Kontrolle zu bringen. Das kostet Geld. Es kann die persönlichen Freiheiten tangieren. Doch Parteien, die bei der nächsten Bundestagswahl erfolgreich sein wollen, werden nicht darum herumkommen.“
„El Mundo“ (Madrid):
„Dieser Anschlag wird politische Konsequenzen haben und die Debatte über Flüchtlinge in Deutschland belasten. Die Unruhe um die Islamfeindlichkeit wird der Ultrarechten, deren Aussichten vor der Bundestagswahl im kommenden Jahr immer besser werden, neue Flügel verleihen. Bundeskanzlerin Angela Merkel war wegen ihrer Flüchtlingspolitik ja heftig kritisiert worden. Von vielen wurde diese als zu großzügig bezeichnet. Es ist eine Tatsache, dass Deutschland seit Ausbruch des Krieges in Syrien und bis zum vergangenen Jahr fast eine Million Asylbewerber aufgenommen hatte, auch wenn es 2016 eine Abschwächung der Zahlen gegeben hat. Es ist erschütternd, festzustellen, dass sich Populismus und Islamismus - obwohl Rivalen - jeden Tag gegenseitig gefährlich nähren.“
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