Attentäter von Würzburg wurde von IS-Propaganda angestachelt
Ist der Axt-Attentäter von Würzburg vielleicht gar nicht Afghane? Inzwischen gibt es Zweifel an der Herkunft des 17-jährigen Flüchtlings.
Würzburg – Der 17-jährige Flüchtling, der am Montagabend in einem Zug bei Würzburg mehrere Personen mit Axt und Messer verletzte, dürfte im Vorjahr durch Österreich nach Deutschland eingereist sein. Das sagte Innenministeriums-Sprecher Karl-Heinz Grundböck am Mittwoch zur APA und bestätigte damit entsprechende Medienberichte.
Der Jugendliche sei im Juni 2015 in Passau registriert worden, und es sei „davon auszugehen, dass davor eine geschleppte Durchreise durch Österreich erfolgt“ sei, sagte Grundböck. „Nach aktuellem Stand beschränkt sich darauf der Bezug nach Österreich.“ Das Innenministerium stehe in Kontakt mit den deutschen Behörden.
Der 17-Jährige hatte in einem Regionalzug Mitreisende mit Axt und Messer angegriffen und fünf Menschen schwer lebensgefährlich verletzt. Zwei Opfer schwebten laut Polizei am Mittwoch noch in Lebensgefahr. Der Attentäter wurde erschossen, als er auf der Flucht Polizisten angriff.
Zweifel an Herkunft
Eine Frage, die die Ermittler sehr beschäftigt, ist, woher der 17-Jährige ursprünglich stammt. Mittlerweile bestehen Zweifel, dass er wie erst angenommen in Afghanistan geboren und aufgewachsen ist. Es gibt auch Hinweise auf eine pakistanische Herkunft.
Es sprächen gute Gründe dafür, dass er sich unter einer anderen Identität bei den Behörden gemeldet habe, sagte Hans-Georg Maaßen, Präsident des deutschen Bundesamtes für Verfassungsschutz, am Mittwoch im ZDF-Morgenmagazin. Dies sei allerdings verbreitet und spreche nicht unbedingt für einen terroristischen Hintergrund.
Der deutsche Innenminister Thomas de Maiziere bestätigte, dass es Zweifel gibt, ob es sich bei dem vor einem Jahr als Flüchtling eingereisten jungen Mann um einen Afghanen handelt. Aus Ermittlerkreisen war die Herkunft unter anderem wegen seines paschtunischen Dialekts angezweifelt worden. De Maiziere sagte, Paschtunen lebten sowohl in Afghanistan als auch in Pakistan.
Gegen die neue Vermutung, es könne sich doch eher um einen Pakistaner handeln, spreche, dass der Täter wenige Tage vor der Tat am Telefon vom Tod eines Bekannten aus Afghanistan erfahren habe, sagte de Maiziere. Seinen Erkenntnissen zufolge liege außerdem ein Antrag für eine Familienzusammenführung vor, der sich ebenfalls auf Afghanistan beziehe.
Bekennervideo ist echt
Erkenntnissen der Ermittler zufolge hatte die Tat einen islamistischen Hintergrund. In einer Videobotschaft bezeichnete sich der junge Mann als Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat. Das bayerische Innenministerium bestätigte die Echtheit des Videos am Dienstagabend. Auch de Maiziere bestätigte, dass es sich bei dem dort gezeigten Mann um den Täter handelt. Unklar sei, ob der Film vor oder nach dem Attentat von Nizza aufgenommen worden sei. „Jedenfalls ist das Video authentisch“, sagte de Maiziere.
„Im Namen Gottes, ich bin ein Soldat des IS und beginne eine heilige Operation in Deutschland“, sagt der 17-Jährige darin. Wann sich der junge Mann radikalisierte und inwieweit er tatsächlich mit dem IS vernetzt war, ist bislang unklar. Den Sicherheitsbehörden war er nie aufgefallen.
„Grenzgebiet zwischen Amoklauf und Terror“
Nach Angaben des deutschen Innenministers Thomas de Maiziere handelt es sich bei dem 17-Jährigen um einen Einzeltäter. Es habe sich durch die Propaganda der Terrormiliz IS „angestachelt gefühlt“, sagte der Politiker am Mittwoch. Das Bekennervideo enthalte keine Hinweise auf eine Anordnung des IS. Bei dem Film im Internet handle es sich um „ein klassisches Abschiedsvideo eines Selbstmordattentäters“, erklärte der Minister.
„Es ist vielleicht auch ein Fall, der im Grenzgebiet zwischen Amoklauf und Terror liegt“, sagte der deutsche Innenminister weiter. Er sprach von einem „brutalen Akt wahlloser Gewalt“. Nicht bei allen Opfern stehe fest, ob sie überleben würden. „Die Hintergründe der Tat müssen weiterhin aufgeklärt werden“, sagte der Minister.
De Maiziere sprach sich für mehr Videoüberwachung, mehr Polizei, und besseren Schutz der Polizeibeamten aus. Er betonte, der Staat tue alles, um Anschläge zu verhindern. „Aber eine Garantie gibt es aber trotzdem leider nicht.“
Europol warnt vor weiteren Anschlägen
Nach den Anschlägen von Nizza und Würzburg hat die europäische Polizeibehörde Europol vor weiteren terroristischen Attacken in Europa gewarnt. Anschläge von Einzeltätern wie in Nizza und Würzburg seien eine „bevorzugte Taktik“ der Terrormiliz IS sowie auch von Al-Kaida, heißt es in einer am Mittwoch in Den Haag veröffentlichten Analyse zu den jüngsten Anschlägen.
„Beide Bewegungen haben mehrfach Muslime in westlichen Ländern aufgerufen, individuelle Anschläge in ihrem Wohnland zu verüben.“ Die Angriffe zeigten auch, so Europol, dass solche Einzeltäter kaum rechtzeitig aufzuspüren und Anschläge zu verhindern seien. Die Terrorismus-Experten von Europol analysierten die Anschläge von Orlando, Nizza, Magnanville und Würzburg.
Auch wenn der IS die Verantwortung für die jüngsten Anschläge übernommen hatte, sehen die Experten keinerlei direkte Verbindung. Es gebe keine Beweise, dass der IS diese vier Anschläge „geplant, logistisch unterstützt oder direkt ausgeführt“ habe. Es gebe auch keine Beweise, dass die Attentäter tatsächlich aktiv einer IS-Gruppe angehörten. (APA, dpa, TT.com)