Der aggressiv verletzte Prinz
Bei den Bregenzer Festspielen ist heuer Franco Faccios und Arrigo Boitos romantische Opernsicht auf Shakespeares „Hamlet“ zu entdecken.
Von Ursula Strohal
Bregenz –Sein oder Nichtsein, das steht wie ein Motto über den Bregenzer Hausopern, die vergessene Werke oder Aspekte präsentieren und damit das Festival jenseits der massentauglich spekulativen Produktionen am See profilieren. Für die diesjährige Premiere, die am Mittwoch im Festspielhaus über die Bühnen ging, wählte Intendantin Elisabeth Sobotka „Hamlet“ des Italieners Franco Faccio (1840–1891), der auch Musikkennern kaum als Komponist bekannt ist, jedoch als Dirigent der Uraufführung von Verdis „Otello“ und der italienischen Erstaufführung von Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“.
Faccio und der Schriftsteller und Komponist Arrigo Boito waren Anfang 20, als sie die italienische Oper auf der Basis der Errungenschaften von Meyerbeer und Wagner revolutionieren wollten und dafür mit „Amleto“ – „Hamlet“ – einen schwierigen Stoff wählten. Es ist offensichtlich, wie ergriffen die jungen Männer von Shakespeares Held waren, den sie aufbrausend, widersprüchlich, angsterfüllt und entschlossen, einsam und hochaffektiv anlegten. Die Oper wurde 1865 in Genua uraufgeführt. In Mailand gab es 1871 nur eine einzige Aufführung, die nicht ankam, weil der Tenor – Hamlet – stark indisponiert war. Faccio zog das Werk zurück und soll nicht mehr als Komponist hervorgetreten sein. Erst 2014 tauchte die Oper in Albuquerque/USA wieder auf und hat nun in Bregenz nach Europa zurückgefunden.
Faccios vieraktiger „Hamlet“ eignet sich mit großen Tableaus, wirkungsvollen Soloszenen und schönen Arien fürs Repertoire, das Beste ist in den beiden letzten Akten gebündelt. Unter der Oberfläche spiegelt sich Bemerkenswertes: Ebenso genau, wie Boito mit Shakespeare verfährt, dessen Text er – entgegen der Zeit – respektvoll und möglichst nahe am Original zu einem Libretto inklusive aller großen Hamlet-Szenen umwandelt, ebenso nahe am Autor findet man den Komponisten, wenn er Ironisches aufspürt, Ophelias zauberhafte Poesie entwickelt, Hamlets psychische Instabilität durch Stil- und Stimmungswechsel ausdrückt, Shakespeares Schilderungen ausschmückt, mit Farben malt und weitere erstaunliche Ausdrucksfinessen findet. Die Partitur ist melodisch reich durchkomponiert und bewegt sich raffiniert zwischen den Ausdruckspolen des begleiteten Rezitativs.
Einige seltsame Sätze spuken in den Text, was der Übersetzung geschuldet sein mag. Doch ist auch musikalisch nicht jede Szene auf der Höhe der Besten – und Verdi ganz nahe. Das gilt gerade auch für die Anlage der Komposition, ob sie nun „Macbeth“, „Simone Boccanegra“, „Otello“ u. a. freigibt. Die Pointe: Einige Werke sind vor „Hamlet“ veröffentlicht worden, andere aber danach.
In Bregenz steht Paolo Carignani am Pult der hochfein musizierenden Wiener Symphoniker, aber er ist auf lautstarke Wirkung bedacht, auch dort, wo er nicht mitreißen und überspielen müsste. Frank Philipp Schlößmann entwarf die hauptsächlich mit Raum spielenden, in ihrer Kargheit umso wirkungsvolleren Bühnenbilder, die Davy Cunninghams Lichtregie effektvoll ausleuchtet. Von Gesine Völlm stammen die Kostüme in Schwarz-Weiß-Rot und der naive Geist. Olivier Tambosis Regie bemüht sich um rauschende Feste und konzentriert sich auf verständliche Personenkonstellationen. Der Schnürboden, der sich zu Beginn über dem spiegelnden Boden hebt, verweist auf Shakespeare: Die Welt ist Bühne, die Existenz das Spiel.
Pavel ˇCernochs Hamlet ist großartig in seiner Zerrissenheit und aggressiven Verletztheit, die Rolle jagt ihn durch Ausdruckskosmen. Cˇernoch schafft das souverän, die Stimme ist nur etwas klangarm. Dshamilja Kaisers Gertrude singt auf Festspielniveau, ebenso Iulia Maria Dans Ofelia, Eduard Tsangas Polonio, Claudio Sguras Claudio und Paul Schweinesters Laerte.
Kommentare