71. Bregenzer Festspiele: „Hamlet“ kehrt heim auf die Opernbühne

Bregenz/Wien (APA) - Wie oft wundert man sich bei Ausgrabungen interessierter Opernarchäologen keineswegs, dass ein Werk über Jahrzehnte von...

Bregenz/Wien (APA) - Wie oft wundert man sich bei Ausgrabungen interessierter Opernarchäologen keineswegs, dass ein Werk über Jahrzehnte von den Spielplänen verschwunden war. Ganz anders bei Franco Faccios Shakespeare-Adaption „Hamlet“, mit der die Bregenzer Festspiele am Mittwoch ihre Saison 2016 einläuteten. Intendantin Elisabeth Sobotka ist mit der vergessenen Opernpreziose auf Risiko gegangen - und hat gewonnen.

Ein Werk als Eröffnungspremiere anzusetzen, das vor 145 Jahren bei einer missglückten Aufführung an der Mailänder Scala das letzte Mal in Europa zu hören war, erfordert Mut, hat sich aber vollkommen ausgezahlt. Der gerade einmal 25-jährige Faccio hatte das Werk gemeinsam mit dem späteren Verdi-Librettisten Arrigo Boito 1865 verfasst und sich nach dem Misserfolg in Mailand gänzlich von der Profession des Komponisten auf die des Dirigenten zurückgezogen - ein Verlust, wie man seit dem gestrigen Mittwoch konstatieren muss. Bis der Dirigent Anthony Barrese eine kritische Ausgabe des Stückes erstellte, die 2014 das erste Mal wieder zu hören war (im US-amerikanischen Albuquerque), hatte sich niemand des „Hamlets“ angenommen.

In Bregenz nun ist es Paolo Carignani, der heuer auch die zweite Saison der „Turandot“ auf der Seebühne dirigiert, der sich die Partitur erarbeitet hat, in der die Vorläufer wie Donizetti und Zeitgenossen wie Verdi ebenso unüberhörbar sind wie auch der Verismo. Viel Blech und Percussion geben den Takt vor, dem Carignani am Pult der Wiener Symphoniker mit Verve folgt. Aber auch Walzer, Duette, die an Dramatik nichts missen lassen, oder der berührende Begräbnismarsch der Ofelia tragen ihr Scherflein zum runden Gesamteindruck des noch nicht durchkomponierten Bühnenwerks bei. Teile der Oper besitzen durchaus das Potenzial, den Aufstieg in die „Best of Klassik“-Radioschienen zu schaffen.

Stimmlich ist dieser „Hamlet“ durchaus fordernd mit harten Registerwechseln, wobei sich der junge tschechische Tenor Pavel Cernoch in der Titelpartie als der klare Star des Abends etablieren konnte. Mit ebenso leichtem wie eindrücklichem Timbre und darstellerischer Intensität dominiert er die Bühne und macht dabei deutlich, weshalb die Scala-Aufführung 1871, bei welcher der Hamlet-Sänger angeschlagen war, nicht funktionieren konnte.

Aber auch das übrige Ensemble kann bei diesem Niveau weitgehend mithalten. Dshamilja Kaiser als Mutter Gertrude überzeugt in der Höhenlage, müht sich jedoch in den tiefen Passagen, über das Orchester zu kommen, und auch Claudio Sgura als Claudio überzeugt vor allem mit satter Mittellage. Iulia Maria Dan ist eine Ofelia mit Zwitscherkoloraturen und der junge Tiroler Tenor Paul Schweinester füllt seine Rolle als Laerte nicht nur beim akrobatischen Fechten vollkommen aus.

Diese Sängerleistung ist aber auch gefragt angesichts der Inszenierungsrichtung, die Regisseur Olivier Tambosi einschlägt. Der folgt ganz dem Charakter von Faccios „Hamlet“, der die Figur weniger als großen Grübler und Zweifler, denn als ungestüm Handelnden sieht. Das Figurentableau ist reduziert, die Konflikte der Charaktere zugespitzt. Tambosis Deutung setzt zunächst ganz auf den Raum an sich, in dem die Figuren atmen können und zugleich verloren wirken.

Den Großteil der ersten beiden Akte beleben Versatzstücke der Commedia dell‘arte und lange Tafeln als Raumteiler oder Laufsteg - eine Ästhetik, wie man sie vom französischen Regietheater eines Vincent Boussards erwartet und die in diesem Fall nur bedingt schlüssig erscheint. Erst in den beiden letzten Akten gelingen Tambosi wahrhaft eindrückliche Bilder wie Ophelias Begräbnis im Kerzenschein oder ihr Abgleiten in den Wahnsinn in einem Meer aus gefallenen Ästen.

Den Bregenzer Festspielen ist mit dem „Hamlet“ jedenfalls eine beeindruckende Wiederentdeckung gelungen. Und für Cernoch und das übrige Ensemble bleibt zu hoffen, dass sie ihre Partie nicht nur für die drei Bregenzer Aufführungen einstudiert haben. Die Chance auf weitere Aufführungen des Werkes dürfte nach dem gestrigen Abend jedenfalls deutlich gestiegen sein.

(S E R V I C E - „Hamlet“ von Franco Faccio im Rahmen der Bregenzer Festspiele 2016, Platz der Wiener Symphoniker 1, 6900 Bregenz. Regie: Olivier Tambosi, Bühne: Frank Philipp Schlößmann, Kostüme: Gesine Völlm, Dirigent: Paolo Carignani am Pult der Wiener Symphoniker. Mit: Pavel Cernoch - Amleto, Claudio Sgura - Claudio, Eduard Tsanga - Polonio, Sebastien Soules - Orazio, Bartosz Urbanowicz - Marcello, Paul Schweinester - Laerte, Iulia Maria Dan - Ofelia, Dshamilja Kaiser - Gertrude. Weitere Aufführungen am 25. und 28. Juli. http://go.apa.at/Z5Sin5DJ. Link zur ORF-Aufzeichnung der Premiere: http://go.apa.at/au04YXA4)