Kurdenregion im Nordirak ächzt unter Last der Binnenflüchtlinge
Erbil/Wien (APA) - Weiße Zelte und weiße Ein-Zimmer-Häuschen Reihe um Reihe in der Halbwüste - unüberschaubar. Mehr als 19.000 Binnenflüchtl...
Erbil/Wien (APA) - Weiße Zelte und weiße Ein-Zimmer-Häuschen Reihe um Reihe in der Halbwüste - unüberschaubar. Mehr als 19.000 Binnenflüchtlinge leben im Lager Debaga in der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak. Hunderte kommen täglich derzeit hinzu.
Ist eine Familie lange hier, ist sie vor den Jihadisten geflohen, die ab 2014 ihren „Islamischen Staat“ (IS) auf dem Gebiet des Irak - und auch Syrien - errichtet haben. Ist eine Familie erst kürzlich in Debaga angekommen, ist sie vor den Kämpfen geflohen, mit denen der IS in den vergangenen Monaten im Irak zurückgedrängt worden ist.
Ali Ahmed Ali hat Glück. Der 50-Jährige kann in einem der Ein-Zimmer-Häuschen stehen mit Kühlschrank, Fernseher, Ventilator. Bei 47 Grad Luxus im Vergleich zum angrenzenden Zeltlager. Ali Ahmed Ali, barfuß mit Kufiya auf dem Kopf, wirkt gewaschen und gepflegt. Auf einem niedrigen Schrank stapeln sich Decken und Matratzen. Eng ist es also nicht nur im angrenzenden Zeltlager des Camps, sondern auch hier - zumindest in der Nacht.
Mit seinem ganzen Dorf und seinen sieben Kindern ist Ali Ahmed Ali hierher geflohen. Es war vor zwei Jahren samt der nächstgelegenen größeren Stadt Qayyarah an die Jihadisten gefallen. „Mein Bruder wurde vom IS getötet“, sagt der Dorfvorsteher ohne Dorf.
Die Versorgung der Menschen in Debaga für internationale Hilfsorganisationen wie dem UNO-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) oder der Internationalen Organisation für Migration (IOM) wird mit der Ankunft immer neuer im eigenen Land vertriebener Iraker immer schwieriger. Lagerleiter Rizgar Abed von einer privaten Wohltätigkeitsstiftung, die dem Präsidenten der Kurdenregion, Massoud Barzani, nahesteht und von ihr finanziert wird, sagt: „Es macht uns zu schaffen, Essen und Unterkunft zur Verfügung zu stellen.“ Vian Rasheed Younis von der Verwaltung der Provinz Erbil lässt die prekäre Heranschaffung allen Wassers für die Binnenflüchtlinge mit Tanklastern nicht unerwähnt.
„Debaga 2“ wird angesichts des neuen Zustroms gerade errichtet. Bis Jahresende will die irakische Armee mit Unterstützung kurdischer Peshmerga, schiitischer Milizen und der US-geführten internationalen Anti-IS-Koalition Mossul zurückerobern - die letzte Großstadt im Irak, die die radikal-sunnitische Terrormiliz hält. Schritt für Schritt arbeiten sich die Truppen den Tigris entlang bis dorthin vor. Beobachter erwarten bis zu einer Dreiviertelmillion weitere Vertriebene bei einer Belagerung und einem Sturm auf Mossul. Für sie sind nahe der Metropole schon mehrere Camps in Planung. Vertriebene und Gewalt: sowohl beim Vormarsch des IS, als auch bei seiner Zurückdrängung.
Nach Erbil-Stadt dürfen die Bewohner des streng kontrollierten Camps Debaga nicht - aus Sicherheitsgründen. Es könnten Jihadisten darunter sein, die außerhalb des Lagers Anschläge verüben könnten. Und der in Bedrängnis gebrachte IS verlegt sich mehr und mehr darauf, abseits seines verbliebenen Territoriums mit Selbstmordattentaten vermeintliche Stärke zu zeigen, wie jüngst wieder in Bagdad mit mehr als 200 Toten. Ordnungsgemäß heraus kommt man aus Debaga nur, wenn man nachweisen kann, dass einen Angehörige an einem sicheren Ort bei sich aufnehmen.
Dabei gibt sich die kurdische Regionalregierung bei der Aufnahme der Geflohenen großzügig. „Wir haben eine große Zahl an Binnenflüchtlingen aufgenommen“, betont ihr Außenminister Falah Mustafa Bakir. Dabei habe man keinen Unterschied zwischen Sunniten, Schiiten, Christen, Arabern, Kurden, Turkmenen und Yeziden (Jesiden) gemacht. Die Regierung hat freilich nicht nur Selbstlosigkeit im Blick. Sie nimmt die Last wohl auch deswegen derart offenherzig auf sich, weil sie sowohl im Inneren des Irak als auch im Ausland Punkte sammeln will für ihre Plan, so weit wie möglich eigenständig zu werden. Bakir pocht auf eine Neuordnung des Verhältnisses der Autonomen Region Kurdistan zur Zentralregierung in Bagdad: „Konföderation“, „Zwei Staaten in einem Staat“, „vollständige Unabhängigkeit“ sind die Schlagwörter, die er als mögliche Lösungsvarianten bringt. Je mehr die Kurden für andere Iraker in Not tun, desto mehr werden sie hier fordern können.
Bakir ersucht um internationale Hilfe, denn die Flüchtlingsströme, der niedrige Ölpreis und von Bagdad vorenthaltene Budgetmittel setzen der Autonomen Region Kurdistan ohne Frage zu. Das UNO-Nothilfebüro OCHA analysiert: „In den vergangenen Monaten (...) ringt die Regionalregierung mit der Schaffung von Arbeitsplätzen und der öffentlichen Grundversorgung sowohl für Ansässige als auch entwurzelter Familien. (...) Sie ist mit der Auszahlung von Gehältern im Verzug und alle öffentlichen Investitionen stehen still. Mehr als 150.000 Arbeiter dieser Projekte haben keinen Job mehr.“ Schulen und Gesundheitseinrichtungen seien überfordert. „In einer Region, die vor ein paar Jahren sehr hohe Wachstumsraten zu verzeichnen hatte, hat sich die Armut (...) in den vergangenen zwei Jahren mehr als verdoppelt.“
Diese Zäsur ist selbst in der Stadt Erbil deutlich sichtbar. In den Jahren seit dem Irak-Krieg 2003 sind hier viele Neubauten entstanden. Von den Binnenflüchtlingen abgeschirmt, kann man hier auch schon angenehm leben. Neben soliden und modernen Wohntürmen aber vereinsamte Rohbauten, menschenleere Baustellen. Der Architekt Maher geht nach drei Jahren im Irak in den Libanon zurück. Sein Projekt ist nur zur Hälfte fertiggestellt. „Vielleicht komme ich in drei, vier Jahren wieder.“ Auch OCHA rechnet damit, dass es „Jahre, wenn nicht eine Generation“ dauern wird, bis die Krise überwunden ist.
Solche Jahre sind entscheidend, ob die Binnenflüchtlinge wieder zurückkehren, woanders im Land wieder Fuß fassen, in Lagern bleiben - oder sich nach Europa aufmachen. Unter dem letzten Gesichtspunkt galt auch der Wiederansiedlung ein Hauptaugenmerk des jüngsten Besuchs von Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) im Nordirak. Laut OCHA haben viele Binnenflüchtlinge dort ihre Ersparnisse mittlerweile aufgebraucht; 765.000 Menschen müssen mit Essen versorgt werden. „Wenn wir hier ihre Bedürfnisse decken können, werden sie nicht (...) als Asylwerber nach Europa gehen müssen“, formuliert es Minister Bakir. Für Ali Ahmed Ali in Debaga zumindest ist es noch nicht Zeit zu gehen: „Wir hoffen, dass wir zurückkehren können, wenn unser Dorf befreit ist.“
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