Terror in Norwegen

Erinnerungen kommen jeden Tag zurück: Fünf Jahre nach Utöya

Wenige Tage nach dem Massaker legt eine Frau Blumen an einem improvisierten Denkmal nieder. Auf der Insel Utöya (im Hintergrund) starben 77 Menschen, die meisten davon Jugendliche.
© Jonathan Nackstrand/AFP

Vor fünf Jahren verbreitete der Massenmörder Breivik in Norwegen Angst und Schrecken. Überlebende, Hinterbliebene und Helfer von damals leiden bis heute.

Von Sigrid Harms und Julia Wäschenbach, dpa

Oslo/Utöya - Bang. Bang. Bang. Alle zweiSekunden. Jörn Överby kann sich noch an jede einzelne Minute des Abends vom 22. Juli 2011 erinnern.Angefangen damit, dass er am Ufer des Tyrifjord steht und die Schüsse hört. Und die vielen Köpfe im Wasser sieht. Jugendliche, die inTodesangst von einer Insel imFjord wegschwimmen. Da weiß Överby noch nicht, dass um kurz nach 17 Uhr der Terror auf Utöya eingekehrt ist - dem friedlichen Stück Erde, auf dem mehr als 500 Menschen das Sommerlager der Arbeiterpartei-Jugend AUF besuchen.Dass ein Norweger namens Anders Behring Breivik hier eiskalt 69 Jugendliche und ihre Betreuer töten wird, viele aus nächster Nähe.

Zuvor hat der 32-Jährige eine Bombe im Osloer Regierungsviertel gezündet. Jetzt macht er mit einem Massaker weiter, das später als schlimmster Terrorangriff Norwegens in die Geschichte eingehen wird. Dafür wird Breivik zur höchstenStrafe verurteilt werden, die es in demLand gibt, zu 21 JahrenHaft mit Sicherheitsverwahrung.

„Da waren so viele Kinder im Wasser“

600 Meter trennen das Festland von der Insel mit denJugendlichen. Överby springt in sein Boot, schmeißt denMotor an und rast Utöya entgegen. Während der Regen unerbittlich auf die Wasseroberfläche einprasselt, zieht der Norweger einen zappelnden Körper nach dem anderen aus dem kalten Fjord. „Da waren so vieleKinder imWasser. Ich hole drei, vier heraus und bringe sie an Land, dann fahre ich wieder raus“, erzählt der 50-Jährige. „Ich werfe alle meine Schwimmwesten ins Wasser, weil überall Leute sind.“

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Etwa um dieselbe Zeit bekommt Mani Hussaini, der heute Chef der AUFist, eine SMS. „Bitte ruf uns nicht an, sie schießen auf uns.“ Die Gerüchte über Schüsse auf Utöya hat der damals 23-Jährige kurz davor noch für einenWitz gehalten. Das ist doch der sicherste Ort überhaupt, geht ihm durch denKopf. Sorgen macht er sich trotzdem. „Ich glaube, ich habe um die 60 Leute angerufen.“ Keiner antwortet.

Seine Freunde kauern unter Felsvorsprüngen und stehen dicht gedrängt in den wenigen Hütten auf derInsel.Sie stellen sich tot oder springen ins Wasser, um von dem Ort wegzukommen, der kurz zuvor noch ihr Ferienparadies gewesen war. Auf dem sie gelacht und Fußball gespielt hatten. Der 15-jährige Sindre Lysö rennt, so schnell ihn seine Beine tragen können.Mit einem Mädchen, das er nicht kennt, sucht er zwischen ein paar Büschen Schutz. Es gibt nicht viele gute Verstecke auf Utöya. „Wir hattenAngst, aber wir wussten nicht, wovor wir uns verstecken“, erzählt der Junge aus der Provinz Östfold.

Suche nach den Lebenden zwischen den Toten

Als die Polizei endlich auf derInsel und Breivik gefasst ist, trauen sich die Jugendlichen langsam aus ihrenVerstecken. Sie habenAngst vor denBeamten, weil der Attentäter sich als Schutzmann verkleidet hatte. Överby hilft den Polizisten, zwischen denLeichen nachÜberlebenden zu suchen. Sieht junge Leute, denen Breivik aus nächster Nähe in den Kopf geschossen hat. Ein dunkelhaariges Mädchen im Mickey-Mouse-Schlüpfer, das mit dem Kopf nach unten im Wasser treibt. Blut, das sich mit demWasser vermischt und es rot färbt.

Die Insel Utöya in einer Luftaufnahme vom Juli 2011.
© Lasse Tur Mapaid AS

„Die Erinnerungen kommen immer wieder zurück. Jeden Tag“, sagt er heute, fünf Jahre später. Von seinem Haus, das auf einer Anhöhe liegt, blickt er auf die Insel, die jetzt wieder so friedlich da liegt.Das glasklare Wasser, das sich wie Samt an die Klippen schmiegt. „Es ist sehr schwer, hinüberzusehen“, sagt er. Daskleine Licht, das am Inselufer leuchtet, jagt ihm eine Gänsehaut ein. „Es hat geregnet, es war neblig und windig, aber dieses Licht hat auf die toten Körper am Hafen geschienen.“

Rund 30 Jugendliche hat Överby gerettet, die meisten, bevor die Polizei eingriff. Kurz nach ihm fuhren andere mit Booten raus, Urlauber vom Campingplatz, Bewohner von Utstranda. Seine Nachbarin Maria Holtane-Berge zog schwerverletzte Jugendliche aus dem Wasser, verband ihre Wunden. „Das Erste, was wir gesehen haben, war, wie neun Leute den Strand runtergerannt kamen, plötzlich stehen blieben und umfielen“, erinnert sie sich.

„Wir haben unsere Unschuld verloren“

Die Nacht ist lang, die Tage, Wochen danach sind schwer, intensiv und seltsam. Die Sonne scheint inOslo, es ist Biergarten-Wetter, aber niemand ist auf denStraßen. Ganz Norwegen ist in einer Schockstarre. „Wir haben unsere Unschuld verloren“, sagt AUF-Chef Hussaini. Doch die kleine Nation schließt sich auch zusammen gegen denTerror.

Der Massenmörder Anders Behring Breivik. Er wurde zu 21 Jahren Haft mit Sicherheitsverwahrung verurteilt, der höchsten Strafe, die in Norwegen ausgesprochen werden kann.
© APA/AFP/NACKSTRAND

Ministerpräsident Jens Stoltenberg hält eine kämpferische Rede, die seine Landsleute bewegt. „Unsere Antwort wird mehr Demokratie sein, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit. Aber nie Naivität“, sagt er. In dem Regierungsgebäude, vor dem die Bombe hochgegangen war, befand sich sein Büro. Die Anschläge galten der von Breivik so verachteten „Multikulti-Gesellschaft“, der Sozialdemokratie, ihm.

„Wir haben gehofft, dass sich unsere Freunde irgendwo verstecken“

„In den ersten Tagen wussten wir nicht, was mit unseren engsten Freunden passiert war. Waren sie am Leben?“, erinnert sich Sindre Lysö, der heute 20 Jahre alt ist. „Wir haben einfach gewartet, gehofft, dass sie sich irgendwo verstecken“, sagt Hussaini. Die Listen mit Opfern, die nach und nach veröffentlicht wurden, löschten diese Hoffnung aus. Sie hattenFreunde verloren, Eltern ihre Kinder, Kinder ihre Eltern, auf Utöya und in Oslo, wo acht Menschen starben.

Am fünften Jahrestag, dem 22. Juli 2016, kommen Überlebende und Angehörige wieder an den Orten der Anschläge zusammen. Manche kommen heute mit demErlebten irgendwie zurecht, wie Lysö. Einigen geht es noch genauso schlecht wie am Tag danach. „Viele gehen immer noch nicht wieder in die Schule oder zur Arbeit“, sagt Hussaini.

Der Vater eines Überlebenden kann seinen Sohn am Tag nach dem Massaker wieder in die Arme schließen. Für die Angehörigen war die Unsicherheit über das Schicksal ihrer Familienmitglieder unerträglich.
© Odd Andersen/AFP

„Es hat mich und alle anderen, die da waren, für denRest unseres Lebens verändert“, sagt Lysö. „Manche wachen jeden Tag auf und sehen ihre Narben.“ Trotzdem will die Jugendorganisation AUFnicht, dass der 22. Juli der letzte Tag in ihrem Paradies war. Sie wollen es zurückerobern, erklären sie gleich nach denAnschlägen.

2015 findet zum erstenMal wieder ein Sommerlager auf Utöya statt. Die Hälfte der Teilnehmer von damals ist wieder dabei. „Die beste Art undWeise, uns anExtremisten zu rächen, ist, weiter für die Werte zu arbeiten, für die unsere moderne Gesellschaft steht“, sagt Hussaini.

Geplantes Denkmal für Bewohner „zu brutal“

Nicht alle finden es passend, dass die Insel wieder zum Zeltplatz wird. Die ausgelassene Stimmung imSommer reißt bei manchen Überlebenden und Angehörigen kaum verheilte Wunden auf. Sie habenauch Angst, dass die Ereignisse von damals bei all der Heiterkeit in Vergessenheit geraten.

Ein Denkmal auf derInsel erinnert an die Opfer. Auf der Landseite gegenüber soll noch eins entstehen. Auf einer vorgelagerten Landzunge soll ein drei Meter breiter Schnitt in den Fels getrieben werden, an dessen Kante die Namen der Toten eingraviert werden. Er soll die Wunde symbolisieren, die Breivik den Norwegern zugefügt hat. Doch die Anwohner kämpfen verzweifelt gegen die Pläne derRegierung. Nur mit einer Klage können sie den Bau der Gedenkstätte noch verhindern.

„Zu brutal“, findet Holtane-Berge, die den Protest der Menschen in Utstranda anführt. „Wir werden nie vergessen, was passiert ist“, sagt ihr Mann Dag-Kjetil. Das Denkmal sei nur für Touristen da. „Es würde die Erinnerungen immer wiederbringen“, sagt Överby. „Aber wir werden schon durch dieInsel genug daran erinnert.“ Und durch das Boot, mit dem er damals rausfuhr. „Ich benutze es trotzdem. Aber manchmal muss ich daran denken, wie es aussah.Das ganze Boot war vollerBlut.“