Mann fürs Grobe statt Staatsmann

Cleveland (Ohio)/Washington (APA/AFP) - Der wild zuckende Zeigefinger, die geschwollenen Adern, die Stimme, die ins Gebrüll umschlägt: Wer g...

Cleveland (Ohio)/Washington (APA/AFP) - Der wild zuckende Zeigefinger, die geschwollenen Adern, die Stimme, die ins Gebrüll umschlägt: Wer geglaubt hatte, Donald Trump würde in seiner ersten Rede als offiziell gekürter US-Präsidentschaftskandidat auf eine staatsmännische Pose umschalten, sieht sich getäuscht.

Zum Abschluss des Parteitags der US-Republikaner in Cleveland schmettert der Immobilienmogul seine teilweise radikalen Forderungen mit gewohntem Furor in den Saal. Die grimmige Entschlossenheit, die den anfangs verspotteten Quereinsteiger zur Kandidatur katapultiert hat, soll ihn nun weiter bis ins Weiße Haus tragen.

Zwar verfällt Trump diesmal nicht in die üblichen wüsten Beleidigungen. Seine Rivalin im Kampf um das Weiße Haus beschimpft er diesmal nicht als „schurkische Hillary“. Und als die Menge in einem beim Parteitag populär gewordenen Sprechchor fordert, die frühere Außenministerin Hillary Clinton „einzusperren“, macht er beschwichtigende Handbewegungen und ruft aus: „Lasst sie uns im November besiegen.“

Doch Trump bleibt Trump und heizt seinen Anhängern mit drastischer Rhetorik und unerbittlichen Attacken ein. Ein pechschwarzes Bild zeichnet der Populist vom Zustand seines Landes. Wirtschaftliche Misere, grassierende Gewalt, kriminelle illegale Einwanderer, überall lauernde Terrorgefahr und dazu eine aus den Fugen geratene Weltlage - die Schuld daran tragen, so seine Anklage, vor allem Präsident Barack Obama und seine Ex-Außenministerin.

Vor der düsteren Kulisse eines angeblich verfallenden Landes stilisiert sich Trump als die Lichtgestalt, die mit Führungsstärke, Macherqualitäten und Empathie für die Nöte des kleinen Mannes die Erlösung bringt. In seinem politischen Credo steht dabei das Law-and-order-Prinzip ganz oben: „Wenn ich im nächsten Jahr den Amtseid ablege, werde ich Recht und Ordnung in unserem Land wiederherstellen“, verkündet der 70-Jährige.

Dazu gehören pauschale Einreiseverbote als Anti-Terror-Instrument und natürlich eine Mauer an der Grenze zu Mexiko: „Wir werden die Banden und die Kriminalität stoppen, wir werden verhindern, dass die Drogen in unsere Gemeinden kommen.“ Die Reaktion im Saal zeigt, dass dies eine Lieblingsforderung der Trump-Gemeinde ist: „Bau die Mauer!“ schallt es dem Kandidaten begeistert entgegen.

Ein weiterer Grundpfeiler im ideologischen Gerüst des Kandidaten ist im zentralen Motto seiner Kampagne zusammengefasst: „Amerika zuerst“. Das Eigeninteresse der USA soll das Leitmotiv der neuen Außenpolitik sein: „Amerikanismus wird unser Credo sein, nicht Globalismus“, ruft Trump aus.

Mit seiner kernigen Rhetorik und seiner theatralischen Gebärde schafft es der Kandidat, in kurzer Abfolge Jubelstürme durch die Arena toben zu lassen. Zum Abschluss eines von Streit und Pannen geprägten Parteitags ist zumindest die Inszenierung an diesem letzten und wichtigsten Abend gelungen.

Zu der Inszenierung gehört, dass vor der nächste Woche anstehenden Nominierung Clintons als demokratische Präsidentschaftskandidatin die Konkurrentin mit aller Wucht niedergemacht wird: Als Marionette der Finanzwelt beschimpft sie Trump, als gewissenlose Machtpolitikerin und außenpolitische Totalversagerin. Die Konflikte in Nahost, die Ausbreitung der Jihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS), die Flüchtlingswelle - all das gehe auf ihre Kappe, resümiert er.

Die Anklage gipfelt in dem Satz: „Das ist das Vermächtnis von Hillary Clinton: Tod, Zerstörung, Terrorismus und Schwäche.“ Der Abscheu gegen die Demokratin soll der Kitt sein, der die durch die Kandidatur Trumps gespaltene Partei im Kampf um das Weiße Haus zusammenhält.

Wie brüchig dieser Kitt allerdings ist, haben die wüsten Streitereien beim Parteitag gezeigt. Deren Höhepunkt wurde am Vorabend erreicht, als der in den Vorwahlen unterlegene Senator Ted Cruz sich in einem beispiellosen Affront weigerte, eine Wahlempfehlung für Trump auszusprechen.

Die Versammlung entlässt deshalb auch bei weitem nicht alle Delegierte euphorisiert in die heiße Phase des Wahlkampfs. „Wir hatten schon erfolgreichere Parteitage als diesen“, konstatiert nüchtern der texanische Delegierte Bill Eastland, ein Cruz-Anhänger.