Kunst

Das Lied der Zugvögel in einer Karaoke-Bar

Wer waren die Ersten auf der Baustelle? Milan Mijalkovic stellt den „Arbeiter mit Vorschlaghammer“ heroisch auf einen Mistkübel.
© Milan Mijalkovic

Ankommen im „Ajnhajtclub“: Eine gelungene Wiener Ausstellung widmet sich der Geschichte der Arbeitsmigration aus künstlerischer Sicht.

Wien –Singdrossel, Waldschnepfe, Blaumeise und Türkentaube als Immigranten? Besonders Letztere ist ein hübsches Beispiel einer ursprünglich fremden, aber längst heimisch gewordenen Art: Ihr Name weist auf die Herkunft aus dem asiatischen Raum hin, woher sie über den Balkan nach Mitteleuropa vorgedrungen ist. Heute gilt die Türkentaube als typischer Wiener Stadt-Vogel. Bogomir Doringer hat sich an das Naturhistorische Museum Wien gewandt, um gefiederte Entsprechungen für ein Phänomen zu finden, das sich auch sprachlich niedergeschlagen hat: Gastarbeiter und Migranten werden oft mit Zugvögeln verglichen oder tun das auch selbst. Unter dem Titel „Curated By Nature“ hat Doringer nun also Vogelpräparate in eine Vitrine im frei_raum Q21 des Museumsquartiers gestellt. Ein ebenso humor- wie gehaltvoller Kommentar zum hier verhandelten Thema.

Bereits 2014 jährte sich das Anwerbeabkommen zwischen Österreich und der Türkei zum 50. Mal, es regelte die Anwerbung türkischer Arbeitskräfte und deren Beschäftigung in Österreich. Das Innsbrucker Institut für Zeitgeschichte hatte dazu einen Forschungsschwerpunkt eingerichtet, um auch die Geschichten und Erfahrungen der Migranten von einst sichtbar zu machen, die, so wurde betont, „in der etablierten österreichischen Geschichtserzählung bislang unsichtbar und ohne Stimme geblieben“ sind. Hervorgegangen war aus dem Projekt 2014 unter anderem eine kulturgeschichtlich-dokumentarische Ausstellung in den Gassen der Haller Altstadt, die für viele Arbeitsmigranten der 1960er-Jahre zur ersten Heimat wurd­e. Im Wien interessiert jetzt vor allem der künstlerische Blick auf die Arbeitsmigration: 2016 ist es die Unterzeichnung des Anwerbeabkommens mit der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien, die sich zum 50. Mal jährt. Marta Popivodas Filmessay „Yugoslavia: how ideology moved our collective body“, der sich mit der Macht der Ideologie und der Instrumentalisierung der Masse als kollektiver Körper beschäftigt, geht weit über die 1960er-Jahre hinaus. In den 1990er-Jahren zerfiel Jugo­slawien in blutigen Bürger­kriegen in seine Teilstaaten. Wie sich das auch auf die bereits seit den 1960er-Jahren in Österreich entstehenden Gastarbeiterklubs ausgewirkt hat, lässt sich an zahlreichen Materialien aus Ljubomir Bratic’ „Archiv der Migration“ ablesen.

Mit dem Titel „Ajnhajtclub“ – gelesen schlicht als „Einheitklub“ – spielt Bogomir Doringer, der auch Kurator der Schau ist, auf diese Arbeiterklubs an, die oftmals in Kellerräumen entstanden. Die so genannten Gastarbeiter waren geduldete Gäste auf Zeit, die man aufgrund der Hochkonjunktur der 60er-Jahre und 70er-Jahre zur Bewältigung des Arbeitsaufkommens benötigte. Doringer versteht die Schau auch als Anerkennung, neben Dokumentarischem zeichnen sehr unterschiedliche künstlerische Zugänge zum Thema ein vielschichtiges Bild: Das „Crooked Building“ des gebürtigen Innsbruckers Bernd Oppl ist die Skulptur eines verformten sozialen Wohnbaus in Wien. In Österreich durften Gastarbeiter dort später als anderswo einziehen.

Milan Mijalkovic stellt den Gastarbeiter augenzwinkernd auf einen Sockel, der ein Mistkübel ist. Der in Wien geborene Marko Lulic spielt in seinem „Modell für ein Denkmal für Migration in Perusic“ mit der eigenen und der Identität eines Namensvetters, der den Untergang der Titanic überlebt hat. Und in Olga Dimitrijevic eröffnete eine Karaoke-Bar, deren Liedrepertoire aus dem Leben von Migrantinnen erzählt. (jel) Bis 5. September.