Olympia: „Drahtseilakt“: IOC-Urteil zu möglichem Ausschluss Russlands

Rio de Janeiro/Berlin (APA/dpa) - Die Sportwelt blickt am Wochenende nach Lausanne. Mit Hochspannung wird die historische Entscheidung des I...

Rio de Janeiro/Berlin (APA/dpa) - Die Sportwelt blickt am Wochenende nach Lausanne. Mit Hochspannung wird die historische Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) über den möglichen Ausschluss Russlands von den Rio-Spielen erwartet. IOC-Präsident Thomas Bach und seine Juristen werden Nachtschichten einlegen müssen, um die rechtliche Grundlage für einen Komplettbann bis Montag zu schaffen.

Für den deutschen Sportrechtler Rainer Cherkeh wäre der Ausschluss „ein juristischer Drahtseilakt“, wie er am Freitag sagte. In der Olympischen Charta und dem Welt-Anti-Doping-Code gebe es keine eindeutig anwendbaren Regeln. Im WADA-Code wird in Regel 11.2 in Verbindung mit 11.3 klar festgehalten: Ein Ausschluss kann erfolgen, wenn innerhalb einer Mannschaft mehrere Dopingfälle während der Dauer einer Wettkampfveranstaltung, also während der Dauer der Olympischen Spiele, festgestellt werden.

„Man würde einen Ausschluss der russischen Mannschaft also allein rein vorbeugend vornehmen“, argumentierte Cherkeh. „Wenn man den WADA-Code ernst nimmt, hätte die IOC-Exekutive nur die Möglichkeit des Ausschlusses einer Mannschaft bei Fällen, die während der Spiele auftreten.“

Grundlage der Entscheidung wird aber vor allem der WADA-Bericht von Richard McLaren sein, in dem russisches Staatsdoping angeprangert wird. „Wenn sich die Beweislage erhärten sollte, wenn sich alles bewahrheiten würde, wäre eine Olympia-Teilnahme sicher inakzeptabel“, sagte Cherkeh. „Ein Ausschluss wäre dennoch ein juristischer Drahtseilakt.“ Denn der McLaren-Report liege erst seit Montag vor. „Auf dieser Grundlage wenige Tage später eine derartige Ultima-Ratio-Entscheidung treffen zu müssen, ist kritisch. Auch unter dem Prinzip des rechtlichen Gehörs“, meinte der Jurist.

Um bei Verdacht jemanden aus dem Verkehr zu ziehen, brauche man eine Ermächtigungsgrundlage im Regelwerk. „Da wird man das Regelwerk vom Wortlaut und Sinn und Zweck arg strapazieren müssen, um das, was in der Sache gegebenenfalls richtig sein mag, justiziabel hinzubekommen“, betonte Cherkeh.

Das IOC wird auch von anderen in einer schwierigen Rechtslage gesehen. Es wird sich wohl auch intensiv mit Wechselwirkungen wie drohenden Klagen von russischen Sportverbänden beschäftigen müssen. Allerdings hatte der Internationale Sportgerichtshof (CAS) die Sperre der russischen Leichtathleten für die Rio-Spiele wegen umfassenden Dopings bestätigt. Ob sich das Urteil einfach auf andere Sportarten übertragen lässt, ist jedoch fraglich.

Dass das IOC vor allem zwischen Kollektivstrafe und individuellem Recht entscheiden müsse, ist laut Clemens Prokop, dem Präsidenten des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, nicht mehr relevant. „Die wirkliche rechtliche Bedeutung des CAS-Urteils liegt darin, dass Verbände, die Sportler entsenden, aber wegen eines Systemfehlers nicht zugelassen werden, automatisch ausgeschlossen werden können - ohne Rücksicht auf die individuellen Rechte“, sagte Prokop.

Auch den Vorschlag, nur jene 20 russischen Sommersportverbände auszuschließen, bei denen der McLaren-Bericht Dopingvergehen festgestellt hat, hält Prokop für fragwürdig. „Das IOC kann nur ein Nationales Olympisches Komitee suspendieren“, stellte er fest. „Die Delegation der Verantwortung auf die Verbände halte ich unter dem Aspekt der Zeit und der Glaubwürdigkeit nicht für sinnvoll.