München - Amokläufer laut Justiz ohne politischen Hintergrund

München (APA/Reuters/AFP) - Der 18-jährige Todesschütze von München war den Ermittlungen zufolge ein Amokläufer ohne islamistische Verbindun...

München (APA/Reuters/AFP) - Der 18-jährige Todesschütze von München war den Ermittlungen zufolge ein Amokläufer ohne islamistische Verbindungen. „Wir gehen hier davon aus, dass es sich um einen klassischen Amoktäter ohne jegliche politische Motivation handelt“, sagte der Sprecher der Münchner Staatsanwaltschaft, Thomas Steinkraus-Koch, am Samstag. Bei den Opfern handelte es sich großteils um Menschen ausländischer Herkunft.

In der Wohnung des Schülers fand die Polizei Material über Amokläufe. Zudem war er wohl in psychiatrischer Behandlung. Der Deutsch-Iraner hatte am Freitagabend am Olympia-Einkaufszentrum mit einer Pistole neun Menschen und schließlich sich selbst mit einem Kopfschuss getötet. 27 Menschen wurden verletzt, zehn davon schwer. Einige hätten sich auch im Zuge der Panik in der Stadt verletzt, sagten die Ermittler.

Die Behörden gehen auch Hinweisen nach, wonach auf einem gekaperten Facebook-Account in ein Schnellrestaurant vor dem Einkaufszentrum eingeladen wurde, wo der Täter seinen Amoklauf begann. Es werde spendiert, solange es nicht zu teuer sei, hieß es in der Botschaft. Vieles spreche dafür, dass der Täter dahinter stecke, erklärten die Ermittler. „Wenn sich das herausstellt, ist das natürlich eine besonders perfide Art, eine Tat auszuführen“, sagte der deutsche Innenminister Thomas de Maiziere.

Die Ermittler wiesen zudem darauf hin, dass sich die Tat genau fünf Jahre nach dem Massenmord des Norwegers Anders Breivik ereignete. Er hatte in Oslo und in einem Ferienlager für Jugendliche auf der Insel Utøya insgesamt 77 Menschen getötet.

Der Münchner Polizei war der 18-jährige Täter bisher kaum aufgefallen. Er sei lediglich als Opfer einer Schlägerei unter Jugendlichen sowie eines Diebstahl in Kontakt mit den Beamten gewesen. De Maiziere sagte, es gebe Hinweise darauf, dass er von Gleichaltrigen gemobbt wurden. Nachbarn schilderten den Mann, der in München geboren wurde und aufwuchs, als freundlich oder unauffällig. Er lebte mit seinen Eltern sowie einem jüngeren Bruder in einem Mehrfamilienhaus im Stadtteil Maxvorstadt.

Bei seinen Opfern handelt es sich vor allem um Jugendliche. Den Ermittlern zufolge waren acht von ihnen zwischen 14 und 20 Jahren alt. Das neunte Opfer war 45 Jahre alt. Nach Angaben des türkischen Außenministeriums sind drei der Opfer Türken. Auch seien drei Kosovaren unter den Toten, wie das Außenministerium des Balkanstaates mitteilte. Ein Opfer war Grieche. Unter den Getöteten sind demnach drei Frauen. Ob der Täter gezielt auf ausländisch aussehende Opfer schoss, muss den Ermittlern zufolge noch geklärt werden.

Der Deutsch-Iraner nutzte für seine Tat eine 9mm Glock-Pistole. Diese hatte der 18-Jährige offenbar illegal besessen, da die Seriennummer der Waffe ausgefeilt war. Eine Erlaubnis für die Pistole besaß der Täter nicht. Dem Landeskriminalamt zufolge hatte er über 300 Schuss Munition dabei. Wo die Waffe herkommt, ist den bisherigen Erkenntnissen zufolge noch offen. Nach Angaben de Mazières könnte es sich um eine umgebaute Deko-Waffe handeln.

Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer kündigte nach einer Sondersitzung seines Kabinetts an, in der neuen Woche Vorschläge zur Verbesserung der Sicherheitslage unterbreiten. Die Behörden wollen auch prüfen, ob es Auswirkungen auf das Münchner Oktoberfest geben könnte, das im September beginnt.

In der Nacht zum Samstag waren Polizei sowie Spezialeinheiten wie die GSG 9 mit 2.300 Einsatzkräften im Stadtgebiet unterwegs. Zeitweise war von drei Attentätern die Rede, die auf der Flucht seien. Mehrere Polizeihubschrauber kreisten über der Stadt. Busse und Bahnen fuhren nicht mehr. Die Polizei forderte die Bürger auf, in den Häusern zu bleiben. Über Twitter boten Münchner ihre Wohnungen als Zufluchtsorte an. Großveranstaltungen wie das Kulturfestival Tollwood und die Feierlichkeiten zum 500. Jahrestag des Bier-Reinheitsgebots wurden geräumt. Unzählige Einkaufsbummler und Touristen saßen plötzlich fest.

Während der Attacke hatte eine Zivilstreife der Polizei Kontakt mit dem Täter und schoss dabei auch auf ihn. Allerdings wurde der Mann verfehlt und konnte flüchten.

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel rief angesichts der Lage am Samstagmittag das Sicherheitskabinett zusammen. Anschließend lobte sie die Besonnenheit von Sicherheitskräften und auch den Münchnern, die sich gegenseitig beigestanden und Schutz in Wohnungen geboten hätten: „In dieser Freiheit und Mitmenschlichkeit liegt unsere größte Stärke“, sagte sie. Innenminister de Maiziere, der eine USA-Reise abbrach, wollte sich nicht zu Konsequenzen wie Gesetzesänderungen äußern. Er machte aber gewalttätige Internetspiele für Amokläufe mitverantwortlich. Das unerträgliche Ausmaß von gewaltverherrlichenden Spielen habe eine schädliche Wirkung auf die Entwicklung junger Menschen, sagt der CDU-Politiker. Das sei auch in diesem Fall so gewesen.

Die Tat von München löste auch deswegen umgehend einen Großalarm aus, weil ein 17-jähriger Afghane erst am Montag Fahrgäste in einem Regionalzug bei Würzburg mit einem Messer und einem Beil angriff und mehrere verletzte. Die Ermittler gehen hier davon aus, dass der Täter mit der Extremistenmiliz Islamischer Staat sympathisierte. Er wurde von der Polizei erschossen. Ob der Jugendliche wirklich Afghane war, ist noch nicht abschließend geklärt. Die deutschen Sicherheitsbehörden sind auch wegen der Anschläge in Frankreich und Belgien schon länger in erhöhter Alarmbereitschaft.