„Wer bitteschön soll die Pflegelöcher stopfen?“
Österreichweit werden etwa 150.000 Menschen mittels 24-Stunden-Betreuung zu Hause versorgt. Der Bedarf ist groß, nicht alle Vermittler arbeiten seriös. Kritisch beäugt wird ein Tiroler Pilotprojekt, das auch Asylberechtigte in Kursen auf diese Betreuung vorbereitet. Neue Chancen für die Misere Pflegelücke?
Von Liane Pircher
Innsbruck –Der gebürtige Iraner Ahmed H. (Name der Redaktion bekannt, aber geändert) hat in den letzten Monaten viel über Herrn und Frau Österreicher gelernt. Er weiß, wie „der typische Haushalt in Österreich älterer Menschen“ funktioniert, welche Bedeutung hierzulande mitunter Haustiere haben und kennt unsere „Essgewohnheiten und Hygiene-Einstellungen“. Davon unabhängig hat er sich mit „gesetzlichen Grundlagen des Gesundheitssystems und dem Arbeitsmarkt für die 24-Stunden-Betreuung“, aber auch „dem Umgang mit Ritualen und Sterben“ beschäftigt. Alles Punkte, die im Kursprogramm „sole24ore“ stehen. Das ist der Titel für eine Art Fachqualifizierung für die 24-Stunden-Betreuung, die das bfi Tirol durchführt, von der EU gefördert. Es handle sich hierbei um einen Pilotversuch, der sich an Familienangehörige der zu Betreuenden und arbeitssuchende Migranten richte, erklärt Claudia Habringer vom bfi. Man habe hier Potenzial für Jobs gesehen, weil einerseits der Markt der 24-Stunden-Personenbetreuung wachse, es dafür aber keine fixen Qualitätsmindeststandards gebe. Diese könnte man so setzen.
Fakt ist, dass die 24-Stunden-Betreuung bis dato faktisch zu 100 Prozent von Betreuerinnen aus Osteuropa – vermittelt von zig Agenturen – geleistet wird, die sich meist im Zwei- oder Drei-Wochen-Rhythmus abwechseln. Geschätzte 35 Vereine vermitteln in Tirol Pflegekräfte.
Eine Tatsache, die von vielen ohnehin kritisch gesehen wird. Einer davon ist Michael Fill vom Vertreternetz der Sachwalterschaft: „Man stelle sich vor, ein Arbeitgeber käme auf einen zu und würde anbieten: Du darfst für mich bis zu 21 Stunden am Tag arbeiten, an 7 Tagen, und das 4 bzw. 5 Wochen hindurch, und du erhältst dafür 1200 Euro für die vier Wochen bzw. 40 Euro pro Tag bzw. rund 1,90 Euro pro Stunde – jeder von uns würde dieses Angebot als unverschämt vom Tisch weisen. Für ganz viele Betreuerinnen ist das aber tägliche Realität.“ Anders sieht das Andrea Haselwanter-Schneider von der Liste Fritz, die sich seit Jahren für die 24-Stunden-Betreuung starkmacht: „Nachdem 80 % der alten Menschen in Tirol daheim betreut werden wollen, ist die 24-Stunden-Betreuung ein notwendiger Mosaikstein. Wir bemühen uns seit Jahren um einheitliche Qualitätsstandards und eine Landesförderung. Zudem versuchen wir Einheimische für die 24-Stunden-Betreuung zu gewinnen.“
Nicht weniger umstritten ist, ob es in diesem Zusammenhang eine gute Idee bzw. vielleicht sogar eine Chance ist, arbeitssuchende Migranten und Flüchtlinge für die Betreuung kranker und alter Menschen zu gewinnen: „Die Initiative ist sinnvoll und hat eine faire Chance verdient, um geflüchtete Menschen zu beschäftigen, um sie zu qualifizieren, um sie mit Einheimischen in Kontakt zu bringen. Klar ist, dass damit die Pflegemisere in Tirol nicht zu beseitigen ist. Wir reden hier auch von Betreuung, nicht von Pflege. Die größte Herausforderung ist sicherlich das Sprachproblem“, sagt Haselwanter-Schneider. Für Fill ist es „völlig unverantwortlich, Asylwerber, die selbst traumatische Erfahrungen gemacht haben, in der 24-Stunden-Betreuung einsetzen zu wollen“. Dass es aus sprachlichen und kulturellen Gründen mitunter schwierig bzw. für beide Seiten eine Überforderung sein könnte, glaubt Tom Strickner, Leiter der Mobilen Pflege der Sozialen Dienste in Innsbruck. Dieser Schritt müsse gut durchdacht und mit Ausbildung verbunden sein. Für Fill kann es jedenfalls „nicht sein, dass die Pflegemisere auf Kosten jener ausgetragen wird, die sich kaum wehren können“. Was ihn als 24-Stunden-Betreuer genau erwarten würde, kann sich indes Ahmed H. nur vage vorstellen. Job hat er bis dato keinen. Er müsse noch mehr Dialektausdrücke lernen: „Alte Menschen sind nicht immer leicht zu verstehen“, sagt er. Auch das hat er im Kurs gelernt. Viel eher wird der Kurs für ihn ein Sprungbrett für eine bessere Ausbildung – etwa zum Pflegehelfer. Den dafür notwendigen Abschluss der neunten Schulstufe in Österreich und einen B2-Sprachkurs hätte er. Jetzt müsse er die Aufnahmeprüfung schaffen. „Schwierig“, sagt er. Eine neue Hürde auf dem Weg zum Pflegeberuf in Tirol. Bedarf wäre vorhanden.
Zahlen und Fakten zur 24-h-Betreuung
Pflege: Aktuell bekommen österreichweit rund 450.000 Menschen Pflegegeld, 80 Prozent werden zu Hause mit oder ohne Hilfe von außen versorgt. 20 Prozent sind in Heimen — in öffentlichen belaufen sich die Kosten zwischen 1500 und 4200 Euro monatlich. Kosten für eine 24-h-Betreuung: ca. 1800 Euro.
Pflegestufen: Es gibt sieben Pflegestufen, diese — und damit das zugehörige Pflegegeld — werden per Gutachter von der jeweiligen Versicherungsanstalt bestimmt. Je nach Stufe gibt es verschiedene Zuschüsse. Ab Pflegestufe 3 gibt es laut Bundespflegegesetz eine Förderung für die häusliche Betreuung.
Unseriöse/seriöse Betreuer: Experten warnen davor, auf Dienstleister zurückzugreifen, die sich im Internet oder per Inserat zum Billigtarif anbieten. Viele davon arbeiten unseriös. Man sollte wissen, für welche Agentur gearbeitet wird. Die meisten Betreuer sind selbstständig und zahlen ihre Abgaben an die SVA.
Vermittlungsagenturen: Regelmäßige Qualitätskontrollen und konkrete Beratungsgespräche, die über Kosten und Betreuer aufklären bzw. informieren, sind zwei Kriterien, die eine seriöse Agentur auszeichnen. Bis dato gibt es einen Wildwuchs an Anbietern, ein Überblick ist für betroffene Familien schwierig.