Weltsozialforum in Montreal - 50.000 Menschen für eine bessere Erde

Montreal (APA/dpa) - 50.000 Menschen treffen sich in dieser Woche in Montreal. Sie wollen nicht weniger als eine bessere Welt. Das Weltsozia...

Montreal (APA/dpa) - 50.000 Menschen treffen sich in dieser Woche in Montreal. Sie wollen nicht weniger als eine bessere Welt. Das Weltsozialforum tagt 2016 erstmals in einem Industrieland. Es schwankt zwischen konkreter Hilfe und nebulöser Fundamentalkritik.

Die Welt ist ein bisschen besser geworden. Die Milleniumziele der Vereinten Nationen sind zu großen Teilen erreicht, zumindest die ganz große Armut auf der Erdkugel ist weit weniger geworden als etwa noch vor einem Vierteljahrhundert. 1990 mussten der Weltbank zufolge 37 Prozent der Menschen weltweit mit weniger als 1,90 Dollar (1,70 Euro) pro Tag zurechtkommen - 2015 waren es weniger als zehn Prozent (Preise entsprechen Kaufkraft des Jahres 2011).

Doch das heißt lange nicht, dass alles gut ist - für das Weltsozialforum vom 9. bis 14. August in Montreal bleibt mehr als genug Arbeit: Klimawandel, die Chancen für die Jugend, Steuergerechtigkeit und soziale Ungleichheit - mehr als 1.000 Nichtregierungsorganisationen aus aller Welt werden in Kanada eine lange Liste von Themen abarbeiten.

Das Weltsozialreform war 2001 in Porto Alegre gestartet. Man wollte eine Art Gegengewicht zum Weltwirtschaftsforum in Davos bilden. Während es in der Schweiz ums Geld ging, sollte in Brasilien die Verbesserung der Lebensumstände von Millionen Menschen im Vordergrund stehen.

Eine eher lose Ansammlung von Aktivisten machte sich damals Gedanken über die Welt. Porto Alegre war wiederholt Austragungsort, 2013 und 2015 machte das Forum unter teils skurrilen Umständen in Tunis (Tunesien) Halt. Die Regierungen von Nachbarstaaten hatten eigens angebliche Hilfsorganisationen gegründet, um ihre Regierungspolitik auf das Forum tragen zu können.

Für das inzwischen 13. Weltsozialforum wurde mit Kanada erstmals ein entwickeltes Industrieland als Austragungsort ausgesucht. Mehr als 1.200 Einzelveranstaltungen von über 1.000 Organisationen sind geplant, 50.000 Teilnehmer werden erwartet - 90 Prozent aus Kanada.

Die kirchliche Hilfsorganisation Brot für die Welt gehört zu den offiziellen Partnern des Forums. „Brot für die Welt wird aus seiner weltweiten Arbeit die Themen Rohstoffsicherung, Klimawandel und die globalen Handelsbeziehungen in den Vordergrund stellen“, sagt die Sprecherin der Organisation in Deutschland, Anne Dreyer.

„Kanadische Konzerne sind überall beteiligt, wenn es um den Abbau von Erzen geht. Aktivisten aus aller Welt werden in Montreal berichten, welche Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörungen dabei in Kauf genommen werden“, heißt es in einer Mitteilung von Brot für die Welt. Betroffen vom Abbau auf dem Meeresboden seien der Fischfang und die Meeresökologie, etwa vor Papua-Neuguinea.

Auch für die internationale Entwicklungsorganisation Oxfam wird es um ein Wirtschaftsthema gehen. „Die Bekämpfung von Steueroasen ist eines unserer Hauptanliegen“, sagt die Sprecherin von Oxfam in Kanada, Justine Lesage. Daneben soll vor allem die Jugend zu Wort kommen.

Dazu richtet Oxfam auf dem Forum einen eigenen Jugendgipfel aus - der Zugang zu politischer Mitentscheidung, zu geeigneten Jobs und vernünftiger Bezahlung für junge Leute in aller Welt sei ein ebenso großes wie verkanntes Problem - durchaus auch in entwickelten Ländern. Oxfam will zum Thema Chancengleichheit für Jugendliche in Montreal eine eigene Studie vorlegen.

Der Erfolg des Weltsozialforums ist bei allem Engagement umstritten. Vor allem zur Zeit der Finanzkrise verkam ein Teil der Initiativen zu einer allzu stark ideologisch gefärbten Kapitalismuskritik. Konkrete Maßnahmen zur Verbesserung konkreter Missstände rückten in den Hintergrund, ein Teil der Teilnehmer stritt über Sinn und Unsinn der gesamten Veranstaltung.

Schon 2012 hatte es Streit gegeben, ohne das Geld der brasilianischen Regierung und einer gewissen damit verbundenen Abhängigkeit wäre die Austragung gar nicht erst möglich gewesen. In Tunis 2013 und 2015 überlagerten regionale Streitigkeiten eine globale Denk- und Arbeitsweise. Dort wurde gar von einheimischen Gruppen die für viele Gründerväter der Sozialforumsidee scharfe Kritik laut: Das Weltsozialforum benutze die Methodik von Davos.