“Der Wert des Menschen“

Die Rettung der Würde in einer neoliberalen Welt

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Stéphane Brizé beobachtet in seinem Sozialdrama „Der Wert des Menschen“ einen Arbeitslosen, der sich gegen die Verhältnisse wehrt.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Nach 20 Monaten als Arbeitsloser kann Thierry Taugourdeau (Vincent Lindon) nach einem vom Arbeitsamt organisierten Kurs neben dem erlernten Beruf des Maschinisten die Qualifikation eines Kranführers in seinen Lebenslauf einfügen, aber welche Frage wird ein Bauunternehmer bei einem Bewerbungsgespräch stellen? Auf welchen Baustellen haben Sie bisher gearbeitet, werden sie fragen, und Thierr­y wird zugeben müssen, noch nie eine Baustell­e aus der Nähe gesehen zu haben. Derart aggressiv hat Thierry die Grenzen eingeübter Unterwürfigkeit gegenüber seinem Sachbarbeiter noch nie überschritten. Der hat natürlich auch einschlägige Seminare absolviert und weiß, da könnte ein Kurs zur erfolgreichen Präsentation der Persönlichkeit nicht schaden. Solche Veranstaltungen dürfen Arbeitssuchende nicht ablehnen, dokumentieren sie bei aller Absurdität doch den guten Willen und behübschen zugleich die Arbeitslosenstatistik. Alle können zufrieden nach Hause gehen. Für Thierry sieht das so aus: Als Langzeitarbeitsloser hat er die Frist erreicht, ab der ihm nur noch 500 Euro pro Monat zustehen. Sein Sohn ist behindert und benötigt einen Betreuer, für den es keine Unterstützung gibt. In zwei Jahren ist die letzte Rate für die in besseren Zeiten gekaufte Wohnung bezahlt, doch die Bankbetreuerin empfiehlt den Verkauf, denn irgendwann, wenn es wieder besser laufe, könne man eine neue Wohnung kaufen. Diese Gedanken schwirren in Thierrys Kopf, als er im Seminarraum sein Übungsvideo für ein optimistisches Bewerbungsgespräch aufnimmt, um sich anschließend der Kritik zu stellen. Thierry könnte etwas Ermunterung vertragen, doch die anderen Kursteilnehmer sehen in ihm nur den Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt, den sie niedermachen, als würde er sich um die Aufnahme in die Comédie Française bewerben. „Ich werde daran arbeiten”, sagt Thierry.

„La loi du marché“, das Gesetz des Marktes, heißt Stéphane Brizés Film im Original, der 2015 im Wettbewerb des Festivals in Cannes uraufgeführt wurde. Vincent Lindon, der auch als Produzent am Film beteiligt war, gewann den Darstellerpreis und krönte damit auch seine bereits über zehn Jahre laufende Komplizenschaft mit dem Regisseur, der neben den Stars des französischen Kinos auch immer wieder Laiendarsteller auftreten lässt. Im unter dem deutschen Titel „Der Wert des Menschen“ laufenden Film ist Lindon der einzige Profischauspieler, der kaum spielt, sondern auf das Laien­ensemble reagiert. Auf ähnliche Weise lernt sein Thierry, der erstmals den Boden der sozialen Sicherheit unter seinen Füßen zu verlieren droht, die Regeln des Marktes. Mit jeder weiteren vergeblichen Bewerbung taumeln mit der Würde die Gehaltsvorstellungen ins Bodenlose, bis sich Thierry in den lächerlichen Anzug eines Kaufhausdetektivs zwängt, um Ladendiebe zu stellen. Doch die Konzernleitung hat es mit einem ausgeklügelten Überwachungssystem in erster Linie auf die Mitarbeiter des Einkaufszentrums abgesehen. Werden an der Kasse Waren am Scanner vorbeigezogen, verschwinden Rabattmarken in den Taschen der Angestellten? Bei den anschließenden Verhören muss der Detektiv erkennen, dass ihn selbst nur noch ein kleiner Schritt von diesen Geschichten über Ausweglosigkeit und Elend trennt. Im Fall eines Selbstmords auf dem Betriebsgelände – eine Welle solcher Ereignisse hat Frankreich vor einigen Jahren erschüttert – verweisen die Verantwortlichen auf private Tragödien, um von den Marktverhältnissen abzulenken. So viel Wirklichkeit war im Kino schon lange nicht mehr zu sehen.