Syrien-Konflikt. Freude und Not in den Ruinen von Manbidsch

Damaskus (APA/AFP) - In den Ruinen von Manbidsch in Nordsyrien schlendern anti-jihadistische Kämpfer umher, mit Siegesfreude im Gesicht. „Nu...

Damaskus (APA/AFP) - In den Ruinen von Manbidsch in Nordsyrien schlendern anti-jihadistische Kämpfer umher, mit Siegesfreude im Gesicht. „Nur noch ein oder zwei Viertel sind in den Händen des IS, es ist vorbei“, sagt Ibrahim al-Hussein. Er hat einen Munitionsgürtel um den Hals und ist sich sicher, dass die Stadt schon bald „vollkommen befreit“ ist.

Eine kurdisch-arabische Allianz hatte Manbidsch am Wochenende dem Islamischen Staat entrissen - nur noch wenige IS-Jihadisten verstecken sich dort.

AFP-Reportern gelang es nun am Sonntag als ersten Vertretern eines westlichen Mediums, in die seit zwei Monaten heftig umkämpfte Stadt zu gelangen. Manbidsch ist ein Knotenpunkt auf der wichtigen Nachschubroute der Dschihadisten von der türkischen Grenze zu ihrer syrischen Hochburg Raka. „Der IS hat viele Sprengsätze in der Stadt deponiert, um unseren Vormarsch zu bremsen“, sagt einer der Kämpfer der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF). „Ihr müsst uns folgen, um ihnen zu entgehen“, warnt er das Journalistenteam.

Im Juni war das Bündnis kurdisch-arabischer Kämpfer in Manbidsch eingerückt, es folgten grausame Kämpfe um die Stadt. Täglich gab es unterstützende Luftangriffe der US-geführten Koalition - die Jihadisten reagierten mit Sprengstoffattacken und Selbstmordattentaten. Fast 1.700 Menschen wurden binnen zwei Monaten in Manbidsch getötet, davon fast tausend Dschihadisten und fast 300 SDF-Kämpfer sowie mehr als 400 Zivilisten. Zehntausende Zivilisten flohen vor den Kämpfen.

Die zerbombten leeren Häuser und staubbedeckten Straßen in Manbidsch erzählen von diesen erbitterten Gefechten. Überall ragen Kabel und Metallstäbe aus den hellen Steintrümmern. Außer den grünen Tarnanzügen der Kämpfer gibt es dieser Tage wenig Farbe in der syrischen Stadt. Einige Kämpfer fahren auf Motorrädern herum, formen das Siegeszeichen oder scherzen, andere zeigen verbliebenen Zivilisten sichere Fluchtwege.

In Verstecken im Zentrum von Manbidsch, im sogenannten Sicherheitsbezirk, vermuten die Kämpfer nun noch etwa 130 Jihadisten. „Wir sind ganz nah dran am Sicherheitsbezirk“, sagt der siegessichere Kämpfer Abu Ammar, umringt von seinen bewaffneten Kameraden. „Nur noch 75 Meter und dann werden wir das Gebiet stürmen.“

Rund um die Verstecke der verbliebenen IS-Kämpfer in Manbidsch konzentrierten sich die letzten Kämpfe der Schlacht um die Stadt, sagt auch Fajjad al-Ghanem, Leiter der Brigade Falken von Raka. Der Kommandeur hat ein Funkgerät an der Hüfte, doch der Befehl zum Sturm lässt noch auf sich warten. „Er wurde verschoben, weil wir versuchen, erst die Zivilisten zu schützen und wegzubringen.“

Arabische Kämpfer der Allianz boten nach eigenen Angaben den Jhadisten auch an, sie zu verschonen und gehen zu lassen, sollten sie die noch eingeschlossenen Zivilisten in ihren Vierteln freilassen. Unterdessen versuchen die SDF-Kämpfer auf eigene Faust weiter, die zivilen Bewohner zu retten. „Dank der SDF konnten wir das Gebiet sicher verlassen“, sagt ein junger Mann im weißen T-Shirt erleichtert. Fest an der Hand hält er seinen behinderten Bruder und sorgt sich um ihn. „Was hat er getan, dass er diese Kämpfe mit ansehen muss?“

Befreite Zivilisten erzählen, wie der IS ihnen verbot, ihre Häuser zu verlassen. Gemeinsam mit etwa 15 Familienmitgliedern war Mohammed Benchi mitten im Kampfgebiet in einer Wohnung eingepfercht. „Die Jihadisten haben uns gesagt ‚Ihr geht nicht ohne unser Einverständnis hinaus‘“, erzählt er. Eine Frau habe es trotzdem versucht - und sei von einem Heckenschützen erschossen worden.