ImPulsTanz - Chouinard: Fruchtloser, lustloser „Garten der Lüste“

Wien (APA) - „Der Garten der Lüste“ - das klingt ganz nach einem Thema für die kanadische Choreografin Marie Chouinard. Das berühmte Tryptic...

Wien (APA) - „Der Garten der Lüste“ - das klingt ganz nach einem Thema für die kanadische Choreografin Marie Chouinard. Das berühmte Tryptichon des Renaissance-Malers Hieronymus Bosch wählte sie als Vorlage für ihre neueste Kreation, die gestern, Montag, bei ImPulsTanz gezeigt wurde. Die Begegnung von Tanz und Kunst ist schließlich heuer Festival-Schwerpunkt. Chouinard macht vor, wie sie zwecklos ist.

„Welch ein Genuss, sich vor einem Meisterwerk zu beugen!“, teilt sie im Programmheft mit - und bleibt ihrer Vorlage fast schulisch treu. Das Gemälde wird groß projiziert, der gerade behandelte Ausschnitt näher herangezoomt und dann mehr oder minder präzise nachgestellt. Für die Posen, die Winkel und Verdrehungen der Gliedmaßen, die sich zeitgenössische Tanzschaffende sonst selbst ausdenken müssen, hat Bosch bereits gesorgt. Chouinard muss sie nur ein Stückchen weiter in Bewegung transponieren, ein Übersetzungsprozess, der mit ihren fast ganz nackten, mit weißem Staub bedeckten Tänzern zunächst organisch vonstattengeht, aber bald schon hinkt und hakt und keine Logik mehr hat.

Heute vor 500 Jahren ist der große niederländische Maler gestorben, der in seinem Werk vor allem die großen Ängste seiner Zeit in fantastischen, albtraumhaften Wesen und Inferno-Darstellungen bebildert hat. Die Hölle ist gleich nebenan vom Paradies - zumindest im Tryptichon - und als die Szene im zweiten Akt dorthin wechselt, schleppen die Tänzer allerlei Folterwerkzeuge auf die Bühne und toben damit hemmungslos herum, während die Projektion über die Details des Gemäldes streift und aus dem Lautsprecher der Elektrolärm dröhnt. Das ist weder choreografisch besonders originell, noch kunsthistorisch erhellend und anstatt zu ängstigen, nervt es einfach.

Bildende Kunst und Choreografie treffen sich bei der heurigen Festivalausgabe in vielfacher Ausführung, man sucht aktiv Anknüpfungspunkte in Workshops und Performances. Chouinards Bosch-Würdigung zu dessen Todesjubiläum passt also ideal in die Programmatik, wird aber auch ein Stück weit zum Leitbild ihrer Schwierigkeiten. Ironischerweise ist das größte Problem des Stücks weder die Kunst noch ihre Vertanzung, sondern das einzig wirklich neu erdachte Element, der Sound. Die ohrenbetäubende Collage von Louis Dufort setzt auf billige Elektrotricks zwischen Stimmenverzerrung mit großer Amplitude und einem unerträglichen Medley aus Chor-Samples. Variantenlos platschen auch die artifiziellen Regentropfen und das immergleiche Vogelgezwitscher aus den Boxen.

Am Ende schauen große Augen von den Leinwänden, schauen mitten ins Publikum. Eins blau, eins grün. Die Körper wandeln durch den Garten Eden. Der letzte Bildausschnitt, nachdem man das Gemälde in vielen Details studiert hat. Dafür hätte man aber auch ins Museum gehen können. Marie Chouinard ist bekannt für ihre sinnlichen, oft neckischen, immer wieder auch abgründigen Arbeiten, aus denen poetische Momente sprießen wie kostbare Pflänzchen. Leider: dieser „Garten der Lüste“ trägt keine Frucht.

(S E R V I C E - „Hieronymus Bosch: Der Garten der Lüste“ von Marie Chouinard, weitere Vorstellungen am 9. und 10. August, Wiener Volkstheater. http://www.impulstanz.at)