Literatur

Der Boxer als Märtyrer

Die Ikone Muhammad Ali wird in einer Comic-Biografie gewürdigt.

Innsbruck –Ein außergewöhnliches, schillerndes Leben, nacherzählt im Stile eines rasanten Film Noirs: die liebevolle Mutter, die er „Bird“ nannte, Dienstmädchen bei Weißen, und der verbitterte Vater, ein Schildermaler, frustriert von der Ungleichheit der Schwarzen in den Vereinigten Staaten. Cassius Clay, 1942 in Louisville, Kentucky geboren, lernt früh, was es heißt, als Afroamerikaner in den USA aufzuwachsen. Zu einer Zeit, als schwarze Kinder ein dermaßen schlechtes Bild von sich selbst haben, dass sie lieber mit weißen Puppen spielen wollen, wie der so genannte „Puppentest“ des Psychologen Kenneth Clark zeigte. Der Song „Strange Fruit“, Billy Holidays bittere Anklage der Lynchjustiz, wurde drei Jahre vor Cassius Clays Geburt veröffentlicht.

Die Farben in der französischen Graphic Novel „Muhammad Ali“, die nun auch auf Deutsch erschienen ist, sind dunkel: viel Schwarz, viel Braun, vom satten Ocker bis zum matten Sepia. Das wenige Rot sticht ins Auge: Billy Holidays Tränen, ein erstes Fahrrad, das gestohlen wird und den Weg zum Boxtraining weist, der Mord an MalcolmX, das Attentat auf Martin Luther King. Auch im Ring kippt das Braun zuweilen ins Rot: der atemlose Rausch, die Siege und Niederlagen, das Comeback. Dazwischen die großmäuligen TV-Auftritte, die Worte, mit denen Cassius Clay ebenso gut spielen konnte wie mit den Gegnern im Ring. Der Olympiasieger tanzte, wo andere taumelten, ein Poet und Prophet, der sich – auch diesbezüglich stilprägend für den HipHop – schon bald einen Kampfnamen zulegen sollte: Muhammad Ali, der größte Boxer aller Zeiten, ein Kämpfer, der seinen wohl wichtigsten Sieg gar nicht im Ring feiern sollte. Im Schaukampf gegen Uncle Sam weigert er sich bei seiner Einberufung zum Vietnamkrieg einen Schritt vorzutreten. „Ich werde keine 8000 Kilometer zurücklegen, um mitzuhelfen, andere arme Menschen zu töten“, erklärt er. „Kein Viet­cong hat mich je als Nigger beschimpft.“ Er wird zu fünf Jahren Gefängnis und 10.000 Dollar Geldstrafe verurteilt, bleibt auf Kaution aber auf freiem Fuß. Pass und Boxlizenz werden eingezogen, der Weltmeistertitel aberkannt. Das Magazin Esquire druckt ihn, von Fotograf George Lois als heiliger Sebastian inszeniert, aufs Titelblatt. Dass die US-Führung ihn für die Kriegsdienstverweigerung zum Märtyrer gemacht hat, sollte sie bitter bereuen. Der Vietnamkrieg wurde zum PR-Disaster. Das Pentagon hat seine Lehren daraus gezogen, heute verfügt es über das größte PR-Budget in der Geschichte der Menschheit, wie US-Schriftsteller Matt Taibbi im Rolling Stone schreibt.

Die Graphic Novel „Muhammad Ali“ ist bei den wichtigsten Stationen im Leben dieser Ikone mit dabei, der Leser mittendrin. (sire)