Internationale Pressestimmen zum Treffen Erdogan-Putin

Zürich/Aarhus (APA/dpa) - Die Zeitungen kommentieren das Versöhnungs-Treffen zwischen dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und seinem t...

Zürich/Aarhus (APA/dpa) - Die Zeitungen kommentieren das Versöhnungs-Treffen zwischen dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und seinem türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan am Mittwoch:

„Neue Zürcher Zeitung“:

„Es kann nicht im Interesse der Europäer liegen, mit einer Brüskierung der Türkei Erdogan in die Arme der Russen zu treiben. Bereits kursieren Spekulationen, wonach die Präsidenten Putin und Erdogan ein gegen den Westen gerichtetes Bündnis eingehen könnten. Diese Befürchtung ist zwar übertrieben, weil das Misstrauen zwischen den beiden Nachbarn weiterhin tief sitzt und sie besonders in der Syrien-Politik nicht am selben Strick ziehen. (...)

Aber es ist nicht im westlichen Interesse, die Verbrüderung der Autokraten Putin und Erdogan noch aktiv zu fördern. Daher sollten EU-Politiker ihre antitürkischen Reflexe unter Kontrolle behalten. Manche Reaktionen im selbstzufriedenen Westen lassen jegliches Verständnis dafür vermissen, dass die Türkei nach dem Schock des brutalen Putschversuchs nicht so leicht zum Alltag zurückkehren kann. Auch stellt sich die Frage, welchen Sinn es hat, den formellen Abbruch der Beitrittsverhandlungen mit der Türkei zu fordern. Ein EU-Beitritt steht ohnehin nicht bevor, und es gibt gute Gründe, ihn abzulehnen. Aber man muss dies den Türken nicht gleich in Form einer schallenden Ohrfeige mitteilen.“

„Jyllands-Posten“ (Aarhus):

„Wenn man das Bild vom Treffen der beiden Männer im Konstantin-Palast sieht, muss es allen kalt den Rücken herunterlaufen. Sie sind jeder auf seine Weise und mit seinem Hintergrund Repräsentanten von Scheindemokratien, wo Wähler die Möglichkeit haben, zu rituellen Wahlen zusammenzukommen, sich die Gewählten aber so viel Macht sichern, dass sie in Wirklichkeit autokratisch sind. Bisher haben Putin und Erdogan einander in Schach gehalten. Sie können beieinander sicher Ähnlichkeiten sehen, aber sie haben kein Interesse gehabt, den anderen wachsen zu lassen. Diese Beziehung ist gerade dabei, sich zu ändern, und das sollte man wachsam im Auge behalten.“

„El Mundo“ (Madrid):

„Diese Schritte Erdogans sind, kurz und gut, eine wahre Provokation Europas. Er nützt dabei die Tatsache aus, dass die 28 sich so fühlen, als seien ihnen Hände und Füße gebunden, weil ihr Abkommen mit Ankara zur Eindämmung des Flüchtlingszustroms die einzige Maßnahme ist, die Brüssel bis jetzt ergreifen konnte, um der Flüchtlingskrise - der zurzeit größten Herausforderung für das europäische Projekt - zu begegnen. Es ist aber entmutigend, zum einen die politische Lähmung der EU bei der Suche nach einer befriedigenderen Antwort auf dieses humanitäre Drama zu sehen, und zum anderen jeden Tag der Erpressung durch die Türkei beizuwohnen, die damit droht, das Flüchtlingsabkommen nicht zu erfüllen, falls man infrage stellt, wie sie die Demokratie mit Füßen tritt.“

„Financial Times“ (London):

„Wladimir Putin ist froh, einen Kollegen, der ebenfalls auf starker Mann macht, gegen die Kritik liberaler Demokraten unterstützen zu können. Zudem nutzt er jede Gelegenheit, einen Keil zwischen die Türkei und ihre NATO-Verbündeten zu treiben. Das bringt Risiken für die westliche Syrien-Politik mit sich. Die Türkei - deren Hauptinteresse darin besteht, die Ambitionen der syrischen Kurden zu einzudämmen - ist zwar im Kampf gegen die IS-Terroristen ein unzuverlässiger Partner, jedoch bot sie bisher einen wichtigen Kanal für Waffenlieferungen an Rebellengruppen, die Syriens Machthaber (Bashar al-)Assad bekämpfen. Sie kommt nun unter Druck, Moskaus Position zu akzeptieren, wonach Assad bei jeder Art von politischem Übergang zunächst im Amt bleiben muss.

Trotz dieser Risiken können die Gespräche zwischen Russland und der Türkei über Syrien positive Wirkungen haben. Denn es kann keine politische Lösung für diesen Konflikt ohne ihre Beteiligung geben. Und beide Staaten haben ein Interesse, die Belagerung von Aleppo zu beenden, die die Grenzen der russischen Luftwaffe vorführt und zudem zu einem neuen Flüchtlingsstrom in die Türkei führen könnte.“