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Mit links den Alltag bewältigen

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30 Prozent der Menschen sind Linkshänder, viele von ihnen stellen aber auf rechts um. Expertin Andrea Hayek-Schwarz macht gesellschaftlichen Druck dafür verantwortlich.

Am 13. August ist internationaler Linkshändertag — zum 41. Mal. Kann es heute noch ein Problem damit geben, Linkshänder zu sein? Eine Umstellung auf rechts wird doch schon lange nicht mehr empfohlen.

Andrea Hayek-Schwarz: Da haben Sie Recht. Viele Linkshänder stellen sich in den ersten Lebensjahren dennoch auf rechts um, sie passen sich an. Denn unsere Gesellschaft ist auf Rechtshänder ausgerichtet. Schauen Sie sich die Küchengeräte an: Vom einfachen Kartoffelschäler bis zur Maschine ist vieles für die Bedienung mit der rechten Hand ausgelegt. Es gibt auch Utensilien, die für Linkshänder taugen. Nach diesen muss man aber gezielt suchen.

Erfolgt diese Anpassung denn freiwillig?

Hayek-Schwarz: Als freiwillig kann man das nicht bezeichnen. Ich würde eher von einem unausgesprochenen Anpassungsdruck auf Linkshänder sprechen. Dazu ein Beispiel: In Tirol gibt es besonders viele Volksschulklassen ganz ohne Linkshänder. Das kann nicht stimmen, denn 15 Prozent der Bevölkerung sind deklarierte Linkshänder, weitere 15 Prozent versteckte, also solche, die sich rechts angepasst haben. Der Trend in mancher Volksschule geht weiterhin zum Schreiben mit der rechten Hand, weil die Kinder schon sehr früh an den Gebrauch der rechten Hand gewöhnt wurden oder sich selber angepasst haben.

Auch die Eltern von Linkshändern sind gefordert.

Hayek-Schwarz: Die Eltern befürchten mitunter, dass ihre Kinder später Nachteile haben, wenn sie Linkshänder bleiben. Diese Meinung hält sich hartnäckig. Doch sie entspricht nicht den Tatsachen. Es gibt nichts, das man mit der linken Hand weniger gut kann als mit der rechten. Einen Linkshänder umzupolen, schadet ihm sogar sehr.

Inwiefern kann eine solche Umstellung schaden?

Hayek-Schwarz: Es bedeutet eine Mehrbelastung für das Gehirn, man ist schneller erschöpft und kann sein Potenzial nicht ausschöpfen. Es widerspricht der Veranlagung eines Linkshänders, hauptsächlich mit der rechten Hand zu agieren. In meiner Tätigkeit als Linkshänderberaterin kann ich das gut beobachten: Oft kommen Kinder mit erheblichen Schulproblemen zu mir. Wird die Schreibhand gewechselt, sind sie gelöst.

Wie können Sie Linkshändern helfen?

Hayek-Schwarz: Ein Händigkeitstest schafft Klarheit, ob jemand von der Veranlagung Links- oder Rechtshänder ist. Passt die Schreibhand nicht, begleite ich Kinder, aber auch Erwachsene bei der Rückschulung auf die linke Hand. Kindern, die links schreiben, kann ich eine entspannte Schreibhaltung beibringen. So können sie problemlos schreiben, ohne Gefahr, mit Tinte geschriebene Buchstaben zu verwischen.

Sie sind selbst Linkshänderin. Hat es auch bei Ihnen einen Anpassungsdruck in Richtung rechts gegeben?

Hayek-Schwarz: Ich bin Jahrgang 1963. Damals war es üblich, eine Linkshänderin wie mich im Kindesalter auf rechts umzustellen. Doch ich habe mich nicht wohl dabei gefühlt. Als Erwachsene habe ich mich wieder zurückgeschult. Heute mache ich das Meiste sozusagen mit links, wie Schreiben und Essen. Doch es gibt Ausnahmen: Gemüse schneiden beim Kochen geht mir rechts leichter von der Hand.

Wie fühlt sich die Rückkehr zur linken Hand an?

Hayek-Schwarz: Das kann man einem Rechtshänder wie Ihnen schwer erklären. Ich fühle mich als aktive Linkshänderin mehr bei mir selbst, entspannter, gelassener, weniger perfektionistisch. Es ist einfach stimmiger, wenn ich die linke Hand verwende. Meine Erfahrungen haben dazu geführt, dass ich mich beruflich und ehrenamtlich mit dem Linkshändersein beschäftige. Vielen fehlt immer noch das Bewusstsein, dass Linkshänder auch Linkshänder bleiben sollen.

Sie und Ihr Mann sind Linkshänder, Ihre drei Töchter ebenso. Ist Linkshändigkeit vererbbar?

Hayek-Schwarz: Die Ursache von Linkshändigkeit ist wissenschaftlich nicht gänzlich erforscht. Die Gene spielen sicher eine Rolle, die rechte Hirnhälfte ist bei Linkshändern dominant. Und Kinder von Eltern, die Linkshänder sind, werden gehäuft auch selbst Linkshänder.

Unter Ihrem Dach befindet sich somit ein Haushalt von lauter Linkshändern?

Hayek-Schwarz: Ja. Denn Linkshänder bleiben immer Linkshänder, selbst wenn sie sich auf rechts umstellen. Zwei meiner Töchter und ich machen fast alles mit links, mein Mann und eine Tochter schreiben dagegen rechts. Bei uns ist alles vertreten.

Das Gespräch führte Markus Schramek

Andrea Hayek-Schwarz, Mag. phil., hat Pädagogik und Heilpädagogik studiert. Die 53-jährige gebürtige Salzburgerin arbeitet als Linkshänderberaterin in Wien und Salzburg. Sie ist Obfrau von „Linke Hand“, eines Vereins zur Förderung von Linshändern.
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