Film und TV

Die Qualen der Erinnerungen

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In seinem aufregenden Politthriller „Jason Bourne“ inszeniert Paul Greengrass eine finstere Welt der Geheimdienste, die von verrückten Patrioten gelenkt werden.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Als der Hollywood-Cowboy Ronald Reagan 1981 in das Weiße Haus einzog, galt seine erste Frage dem War-Room, den er in Stanley Kubricks Apokalypse-Satire „Dr. Seltsam“ gesehen hatte. Dieser Raum existierte natürlich nicht, oder es war nur eine Frage der Benennung. Am 2. Mai 2011, dreißig Minuten nach Mitternacht waren Präsident Obama, seine Außenministerin, Generäle und anonyme Berater in einem Raum des Weißen Hauses beim Betrachten eines internen Satellitenprogramms zu sehen, in dem das Aufspüren und Töten Osama Bin Ladens zu sehen war. TV-Konsumenten sahen nur die Reaktionen der Politiker, Frau Clinton schlug sich eine Hand vor den Mund, ein Schrei war nicht zu hören. Zwei Jahre später inszenierte Kathryn Bigelow diese Ereignisse in ihrem Film „Zero Dark Thirty“.

In dieser Mischung aus Hollywood, Verschwörungstheorien, die sich zu Gewissheiten verdichten, Überwachungstechnik und Whistleblowern formte sich ein ganz neuer Lageplan von Regierungsgebäuden, in denen Politiker und Agenten auf Monitore starren und Scharfschützen bei ihrer Arbeit beobachten.

Die Hälfte der zwei Stunden Laufzeit von „Jason Bourne“ verwendet Regisseur Paul Greengrass auf die Überwachung der Welt, lediglich unterbrochen von Hackern, die in dieses System einzudringen versuchen und dafür von den Überwachern verfolgt und getötet werden, weil sie dieses kriminelle und mörderische System öffentlich machen wollen. Die wahnwitzigste Metamorphose hat dabei aber die Figur des CIA-Märtyrers Jason Bourne erfahren, der vom Autor Robert Ludlum ganz im Sinne Ronald Reagans als Kalter Krieger erfunden wurde und in der „Bourne“-Trilogie für ein ungewohntes Tempo im Thriller-Genre sorgte. In „Jason Bourne“ greift Greengrass zur Authentizität des Politthrillers aus den Siebzigern im Stil von Sydney Pollacks „Die drei Tage des Condor“.

Wenn Jason Bourne (Matt Damon) die Erinnerungen quälen, zucken seine Muskeln, mit denen er als Boxer zwischen Griechenland und Albanien seinen Lebensunterhalt verdient. Nicky Parsons (Julia Stiles), die bereits in der Trilogie für Bourne immer wichtiger geworden ist, entdeckt bei einer deutschen Hackergruppe die CIA-Akte „Treadstone“, die von den Verbrechen der Agency und dem Missbrauch des Menschen Bourne erzählt. Die Veröffentlichung dieser und anderer Akten brächte vor allem den CIA-Direktor Robert Dewey (Tommy Lee Jones) in Verlegenheit, weshalb der jenen Killer aktiviert, der Präzision und Lustgewinn in seinem Handwerk des Tötens bündelt. Dabei ist „The Asset“ (Vincent Cassel) seinen Opfern mit Satelliten- und GPS-Ortung immer einige Schritte voraus, zudem halten sich verdächtig viele Männer in Athen, Rom, Berlin und Las Vegas beim Reden die Faust vor den Mund. Mit Heather Lee (Alicia Vikander) zieht eine pragmatische Sicht auf die Geheimnisse und die nationale Sicherheit in die Chefetage des CIA ein, denn Patriotismus ist auch eine Frage der Interpretation. Die Stanford-Absolventin möchte den abtrünnigen Bourne „heimholen“, dieses Bild hat für Dewey, den „Mann der Vergangenheit“, eine andere Bedeutung, denkt er doch eher an einen Sarg.

Es ist naheliegend bei „Jason Bourne“ an den Whistleblower Edward Snowden nach dessen Flucht zu denken. Als im Juli 2013 das Flugzeug des bolivianischen Präsidenten Evo Morales zur Landung in Wien gezwungen wurde, um nach dem Passagier Snowden zu suchen, werden jetzt Bilder von Büroräumen in Langley vorstellbar, in denen Agenten auf Monitore starren und auf einen Befehl warten.