Gezänk und Gelüst des Geflügels
Probenbesuch im alten Hühnerstall: Domenico Cimarosas komische Oper „Il matrimonio segreto“ hat morgen bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik Premiere.
Von Ursula Strohal
Innsbruck –Jungfer Fidalma herzt ein Riesen-Ei, es entkommt in Richtung Orchester, und wie die Musiker im hochgefahrenen Graben vor niederprasselnden Gefahren zu schützen sind, wird bis zur Premiere geklärt sein. Der Hühnerstall des späten 18. Jahrhunderts, in dem die Turbulenzen um eine heimliche Ehe angesiedelt sind, hat sich am Montag zur Vormittagsprobe für den Kiebitz geöffnet. Morgen Freitag, am 14. und 16. August präsentieren Alessandro De Marchi, Regisseur Renaud Doucet und Bühnen- und Kostümbildner André Barbe im Tiroler Landestheater Domenico Cimarosas Komische Oper „Il matrimonio segreto“ – „Die heimliche Ehe“.
Drei Stunden lang bleibt er unentdeckt, der eheliche Bund, weil das junge Glück in Bedrängnis gerät: Ein schräger englischer Graf stellt der jungen Signora nach und deren Tante dem Ehemann. Der ahnungslose Vater will seine beiden Töchter unter die Haube bringen, und sei es im Kloster. Die Vermählte kämpft verzweifelt, der Älteren wäre daran gelegen, Gräfin zu spielen. Es ist ein Durcheinander und Gegacker im Stall. Inspiriert wurde das Szene-Team Doucet/Barbe zu diesem Handlungsort „durch zahlreiche musikalische Verweise wie das fortwährende Gezänk“, die Darsteller sind auch „nach dem Vorbild von Hähnen, Hühnern, Truthähnen, Fasanen und Tauben gestaltet. Sie dienen als Spiegelbild der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts.“ Der ursprünglich vom Tanz kommende Doucet, Spezialist für barocke Gestik und an vielen großen Häusern als Opernregisseur tätig, bildet mit Barbe seit 2000 ein prominentes Team – mit gemeinsamem Logo.
Loriana Castellano (Fidalma) ist die Neue im Ensemble, die Mezzosopranistin ersetzt, wie berichtet, Vesselina Kasarova, den verletzten Star. Dazu kommen die Buffo-Spezialisten Renato Girolami (Graf Robinson) und Donato di Stefano (Geronimo), der Tenor Bogdan Mihai (Paolino) und die Schwestern, Klara Ek als Elisetta und Giulia Semenzato als Carolina, die ihrem Paolino heimlich das Jawort gab. Sie alle sind hochkonzentriert bei der Sache, singen voll in dieser Durchlaufprobe, die dem Dirigenten gehört. Geduldsprüfung für den Regisseur, Renaud Doucet ist Perfektionist. In Blitzbesuchen auf der Bühne wird etwas vom Boden entfernt, im Ensemble eine Position Fidalmas korrigiert, man erkennt kaum den Unterschied. Er hält sich zurück. Bis auf eine frühe Unterbrechung lässt De Marchi durchspielen. Die Pause beginnt mit Korrekturen, Fragen, Diskussion. Die sechs Sänger gleiten aus ihren Rollen, was sie darstellen, haben Doucet und Barbe – siehe oben – im Vorfeld verraten. Trotzdem überraschen die Kostüme. Nicht alle sind fertig, wie immer mag es Änderungen im letzten Moment geben.
Auch eine der letzten Proben öffnet andere Eindrücke als die Vorstellung, man begreift die Arbeit. Obwohl sich die Sängerinnen schon perfekt im Kostüm bewegen, wird klar, was elegante Schwerelosigkeit bedeutet, auf Stufen und Unebenheiten zumal, wenn man in zarten Schühchen über den Röcken den Boden nicht sieht. Domenico Cimarosa (1749–1801) war der Nachfolger Antonio Salieris als Wiener Hofkapellmeister und demnach Mozart nahe, der dem Kollegen für ein Intermezzo eine Sopranarie als Einlage komponierte. Cimarosa war in der Opera seria ebenso versiert wie in der Opera buffa, die er in Neapel ausgebildet hatte. Zwei Monate nach Mozarts Tod, im Februar 1792, wurde im alten Wiener Burgtheater seine komische Oper „Il matrimonio segreto“ – „Die heimliche Ehe“ – uraufgeführt. Durchschlagender Erfolg, Kaiser Leopold II. (jener Sohn Maria Theresias, der 1765 in Innsbruck geheiratet hatte) verlangte eine Wiederholung in den Privatgemächern noch am selben Abend. Das blieb in der Musikgeschichte einmalig, wie der Erfolg dieser Buffa bis heute. „Il matrimonio segreto“ wurde von Goethe 1798 in Weimar und von Strehler 1955 an der Mailänder Piccola Scala inszeniert. Am Tiroler Landestheater war das Werk in der Saison 1974/75 in den Kammerspielen zu sehen. Alessandro De Marchi präsentiert nun die Oper in historischer Aufführungspraxis, „um ihre Herkunft aus der Barockoper in der neapolitanischen Tradition zu entschlüsseln“.
Als vergangenen Montag die Pause erreicht ist, beginnen die Sänger erneut zu singen, die Musiker der Academia Montis Regalis fallen ein: „Happy birthday, Alessandro, happy birthday to you!“