Mord oder Heldentat? Tötung von Attentäter polarisiert Israel
Ein israelischer Soldat erschoss einen am Boden liegenden Palästinenser. Die Tat wurde per Kamera aufgezeichnet. Nun steht der 19-Jährige vor Gericht.
Von Stefanie Järkel/dpa
Jerusalem/Ramallah – Im Raum vier des Militärgerichts in Jaffa, einem Stadtteil von Tel Aviv, sitzt Elor Asaria auf der Anklagebank – 19 Jahre alt, schmal, kurz geschorenes dunkles Haar, grüne Uniform. Der Soldat ist wegen Totschlags angeklagt, weil er einen palästinensischen Attentäter erschossen hat. Doch in dem Verfahren geht es auch um das Selbstverständnis des Staates Israel.
Am Sonntag (14.08.) wird der Prozess fortgesetzt. Das Urteil werde in frühestens zwei Monaten erwartet, sagte Armeesprecher Arye Shalicar am Mittwoch und präzisierte damit frühere Angaben der Armee.
Elor Asaria hatte im März den verletzten, bereits am Boden liegenden Palästinenser mit einem Kopfschuss getötet. Die Menschenrechtsorganisation Betselem filmte die Tat in Hebron im von Israel besetzten Westjordanland. Seither ist der junge Mann für manche Israelis ein Mörder und für andere ein Volksheld.
Zehntausende fordern Auszeichnung für Soldaten
Demonstranten forderten kurz nach Asarias Festnahme die Freilassung des „Helden von Israel“. Eine Online-Petition für eine Auszeichnung des Soldaten bekam innerhalb weniger Tage rund 40.000 Unterschriften. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu rief Asarias Vater an und sagte: „Als Vater eines Soldaten verstehe ich Deine Verzweiflung.“
Der damalige Verteidigungsminister Moshe Yaalon wetterte dagegen im Parlament: „Das ist der Fall eines Soldaten, der verdorben ist, kein Held.“ Betselem spricht von „exekutieren“. Linke Demonstranten griffen Unterstützer von Asaria mit Tränengas an. Die Anklage beriet zunächst über Mord. Nun drohen ihm bis zu 20 Jahre Haft.
Os Almog, Soziologe von der Universität Haifa, sieht eine Spaltung zwischen den politischen Blöcken in Israel: dem Linken-Zentrums-Lager auf der einen Seite und dem rechten Flügel auf der anderen Seite. Das rechte Lager unterstütze grundsätzlich Asaria, die Linken und die Mitte nicht.
Rechte Israelis befürworten kompromisslose Härte
„Der rechte Flügel hat das Gefühl, dass die Araber und Palästinenser gegen Israel sind, dass sie keine Einigung mit Israel wollen, dass der Kampf mit ihnen unendlich ist“, sagt er. Für diese Menschen gelte: „Aus diesem Grund müssen wir sehr stark sein, und wir müssen sicher sein, dass zur Abschreckung jede Attacke für jeden Terroristen im Tod endet.“
Der rechte Flügel wolle Israel zudem mehr jüdisch als demokratisch haben. „Danach hat Elor Asaria das Richtige getan. Er hat nicht das Gesetz verletzt. Er ist jüdisch und hat jüdische Leben beschützt.“
Asaria betont, er habe sich bedroht gefühlt: „Ich dachte, er könnte dabei sein, einen Knopf zu drücken und sich in die Luft zu sprengen, und die Zahl der Verletzten wäre unvorstellbar“, sagt er im Zeugenstand.
Vorgesetzter verneint Notwehr und wird bedroht
Ein Vorgesetzter von Asaria weist die Aussage vor Gericht zurück: „Ich sehe keinerlei Rechtfertigung für das Schießen“, sagt Oberst Yariv Ben Esra. „Niemand dort hat sich gefühlt, als sei sein Leben in Gefahr.“ Keiner habe über eine mögliche Bombe gesprochen. Ein weiterer Vorgesetzter wurde nach einer ähnlichen Aussage im Internet bedroht.
Os Almog sagt, das Links-Mitte-Lager fühle sich stärker den Menschenrechten verpflichtet und sehe auch die Chance für eine Einigung mit den Palästinensern. „Außerdem ist ihnen militärische Professionalität sehr wichtig“ – auch damit die Armee international legitimiert bleibe, sagt Almog. „Nicht töten, wenn es nicht notwendig ist.“
Exzessive Gewalt von Israels Polizei schon länger in Kritik
Bereits vor dem Fall Asaria hatte es Diskussionen über einen exzessiven Einsatz von Gewalt durch israelische Soldaten gegeben. Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas sprach von „außergerichtlichen Tötungen“. Die schwedische Außenministerin forderte eine Untersuchung der Fälle. Seit Oktober vergangenen Jahres sind bei einer Welle palästinensischer Anschläge 35 Israelis getötet worden. Mehr als 220 Palästinenser kamen ums Leben, die meisten davon bei ihren eigenen Attacken.
Die frühere Medienberaterin des ehemaligen Ministerpräsidenten Ehud Olmert, Miri Eisen, sieht in der fortschreitenden Polarisierung der Gesellschaft eine generelle Entwicklung. „Das ist nicht anders als in den meisten westlichen Gesellschaften oder den USA“, sagt Eisen. „Es hat alles zu tun mit dem Gefühl von Sicherheit und mit den Ängsten der Gesellschaft – je größer die Angst, desto mehr Polarisierung.“
Yossi Klein Halevi, leitender Wissenschafter vom Shalom Hartman Institut in Jerusalem, sieht allerdings auch einen persönlichen Grund für die emotionale Debatte: „Israelis tendieren dazu, Soldaten als ihre Kinder zu sehen.“ In Israel muss jeder jüdische Mitbürger mindestens zwei Jahre in der Armee dienen. Klein Halevi sagt: „Viele Israelis reagieren, als stünde ihr Sohn vor Gericht.“
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