Schandtaten und sympathische Schufte
In „Die Zeitungsfrau“ lässt Veit Heinichen seinen Commissario Laurenti ein Phantom jagen – und erlaubt sich dabei keine einfachen Antworten.
Von Joachim Leitner
Innsbruck –Veit Heinichens mittlerweile neun Kriminalromane um den Triestiner Commissario Proteo Laurenti vorschnell mit dem Label italophiler Regionalkrimi à la Donna Leon zu versehen, ist ebenso verkaufsfördernd wie irreführend.
Denn um schmuckes Morden in malerisch mediterranem Ambiente geht es in Heinichens Büchern nur am Rande. Insofern haben die durchaus erfolgreichen – und bis heute zumeist in den Sommermonaten gern wiederholten – TV-Verfilmungen mit Henry Hübchen als Laurenti, die ganz in Espresso-seliger Traumschiffhaftigkeit erstarrten und der durchwegs namhaften Darsteller-Riege von Barbara Rudnik bis Götz George wenig mehr als bedeutungsschwangere Blicke zu anschwellender Musik abverlangten, den Vorlagen einen Bärendienst erwiesen. Es war durchaus im Sinne des Autors, dass die produzierende ARD 2009 von weiteren Adaptionen absah.
Gilt es also, Heinichens Werk zu katalogisieren, so müsste man es eher im Umfeld des sizilianischen Erzählers Leonardo Sciascia einordnen: Wie dieser strebt auch der 1958 im Schwarzwald geborene und seit Ende der 1990er-Jahre in Triest lebende Heinichen die Kartografie einer nur auf den ersten Blick pittoresken gesellschaftspolitischen Landkarte an. Und wie bei Sciascia – oder in den Krimis des Griechen Petros Markaris – lassen sich auch Heinichens Bücher als genau recherchierte Abrechnungen mit dem schönen Schein lesen, der kleinere und größere Schandtaten nur für jene befriedigend überstrahlt, denen auffallend einfache Antworten zur Zufriedenheit gereichen. Zu den Bedingungen eines solchen Projekts gehört es, dass auch die Ermittlerfigur vor Verführung nicht gefeit ist. Commissario Laurenti etwa, erfährt man in „Die Zeitungsfrau“ – Heinichens dieser Tage erschienenem neuesten Roman –, nutzte einst die Privilegien seines Polizeiausweises, um ein Bild von Paul Klee aus der DDR-Abwicklungsmasse in die eigene Wohnung zu überführen. Später, als Kollegen seinem Sohn übermäßiges Engagement in Sachen Hanfanbau nachgewiesen haben, verhinderte Papá weitere Untersuchungen.
Fraglos: Alles halb so wild. Und trotzdem: Wie schnell gelegentliche Rechtsbeugung zum Durchdrehen des moralischen Kompasses führen kann, zeigt der Fall Lino La Rosa. Dieser hat als langjähriger Maresciallo der Finanzpolizei Steuersünder erpresst und sich sein Schweigen nicht zuletzt mit sündteuren Erbstücken vergolden lassen. Eine Zeit lang machte er dabei mit Diego Colombo, einem ebenso skrupellosen wie charismatischen Einbrecher, der sich vor dem Falklandkrieg aus Argentinien nach Italien flüchtete, gemeinsame Sache. Bei der Explosion einer Yacht im Triestiner Hafen kam Colombo 1991 ums Leben. Behauptet La Rosa, der einzige Zeuge. So wirklich glauben wollte das Laurenti schon damals nicht. Jetzt, 25 Jahre später, verfestigen mehrere spektakuläre Einbrüche, die Colombos Handschrift tragen, den Verdacht zur Gewissheit. Laurenti macht sich auf die Jagd nach einem Phantom, an dem er sich bereits als aufstrebender Inspektor die Zähne ausbiss. Zögernd wird er dabei von Colombos einstmaliger Lebensgefährtin Teresa Fonda – der titelgebenden Zeitungsfrau, sprich Trafikbesitzerin – unterstützt. Soviel zum Plot, der – auch das sei verraten – auf seinem Weg zum Finale noch einige Kapriolen und Wendungen schlägt. Wobei Spannung zumeist auch daraus entsteht, dass Heinichen seine Leser gern mehr wissen lässt, als seinen Commissario.
Aber, wie eingangs erwähnt, es ist nicht unbedingt der in verschiedene Erzählstränge gegliederte Plot allein, der „Die Zeitungsfrau“ zur beglückend ernüchternden und überaus lehrreichen Leseerfahrung macht, sondern der Kontext, in den Heinichen die Erzählung bettet. Die wechselhafte Stadt-, Regional- und – gerade im Fall Triests – Weltgeschichte, von der K. u. K.-Zeit über Faschismus, „Miracolo Economico“ samt florierender Halb- und Unterwelt-Ökonomie bis zur aktuellen Flüchtlingskrise und den Auswüchsen des Reality-TV sind die Eckpfeiler, an denen der Autor sein narratives Netz festmacht. Ein Netz, in dem sich manch großer Fisch verfängt. Während der eine oder andere kleinere, im Grunde sympathische Schuft unbehelligt hindurchschlüpfen kann.
Krimi Veit Heinichen: Die Zeitungsfrau. Piper, 350 Seiten, 20,60 Euro.