Olympia

Slum-Tourismus in Rio – verwerflich?

Olympia im Zeichen der Favelas oder doch umgekehrt – manche Siedlungen sind auch für Touristen zugänglich.
© AFP

Favela-Touren in Rio: der schmale Grat zwischen Sozialvoyeurismus und Sozialarbeit.

Von Florian Madl

Rio de Janeiro – Die Werbeflyer liegen inmitten der anderen, denen von der Christus-Statue und dem nationalen Fußball-Museum etwa. Der Unterschied: Touristen würden sich wohl kaum erwarten, in Favelas willkommen zu sein: 760 davon gibt es in Rio, 1,4 Millionen von 6,5 Millionen Einwohnern sind dort zuhause. Vor den Armensiedlungen an den Hängen der Stadtberge wird schließlich gewarnt. Als Wurzel aller Kriminalität stigmatisiert, verkennen ausländische Gäste bisweilen deren kulturellen Wert und Bedeutung für den Alltag. „Ich arbeite tagsüber als Kellner und gehe abends heim. Wenn Favelas nur Abfall bedeuten würden, dann wundere ich mich, was die vielen Satelliten-Schüsseln an den Hauswänden dort zu suchen haben“, meint Jose, Kellner in einem Strandcafe. Wie viele andere aus der Siedlung Cantagalo hat er einen geregelten Tagesablauf, die Kosten fürs Wohnen erspart er sich. Wie also ist es zu bewerten, wenn Touristen neben der obligaten Fahrt auf den Zuckerhut auch eine Favela-Tour buchen, die ab 50 Euro eine Innensicht der ansonsten für Gäste nicht passierbaren Gässchen zulässt? „Ich freue mich darauf“, erzählt James, ein Olympia-Tourist aus den Vereinigten Staaten, während er in einem Kiosk an der Copacabana die Buchung vornimmt. Auf den Flyern: Bilder von Kindern, Graffiti, eine wahre Blumenpracht inmitten eines Häusermeers und der unverzichtbare Kabelsalat in den ansonsten kaum erschlossenen Behausungen. Die Tour-Anbieter, etwa die Dame hinter besagter Kiosk-Theke, werben auch entsprechend selbstbewusst: Favelas seien oftmals nicht das, was sich ein Gast darunter vorstellen würde. Aber um sich einen Eindruck zu verschaffen, müsse man schon selbst in einen Jeep steigen oder den Fußmarsch, etwa vom Reichenbezirk Ipanema aus, in Kauf nehmen.

Gefahr? „Nein, absolut ungefährlich“, meint sie. Schließlich würde der Tourismus den jeweiligen Favelas entgegenkommen, Sozialprojekte mitfinanzieren und in letzter Konsequenz auch zur Verbesserung der Infrastruktur beitragen. Österreichische Seilbahntechnik verbindet gar einige Siedlungen überirdisch – eine Lebensader.

Auch Cantagalo gilt als eines dieser Vorzeigeprojekte, das seit knapp zehn Jahren nicht mehr den Drogenhandel als einzigen Wirtschaftszweig kennt. Ein Teufelskreis, der sich über Generationen fortsetzt und Gewalt als einzige Konstante kennt. Tourismus sei eine Chance. Eine von vielen, um sich ein neues Image zuzulegen – und eines Tages vielleicht sogar ein neues Stromsystem.