Natascha Kampusch und ihr Streben nach Freiheit
Vor zehn Jahren gelang Natascha Kampusch die Flucht aus dem Kellerverlies ihres Entführers. Seitdem ist sie auch Anfeindungen ausgesetzt.
Wien – Acht Jahre lang durchlebte Natascha Kampusch die Hölle. Als Zehnjährige von Wolfgang Priklopil entführt, war die Wienerin in einem winzigen unterirdischen Bunker gefangen. Als ihr 2006 die Flucht aus dem Haus in einem Wiener Vorort gelang, freute sie sich auf ein Leben in Freiheit. „In meinem Verlies glaubte ich, dass da draußen nur rechtschaffene, interessierte, wohlerzogene Menschen leben würden“, schreibt die 28-Jährige in ihrem zweiten Buch. In „Natascha Kampusch: 10 Jahre Freiheit“ erzählt sie, wie viele ihrer Träume an der rauen Wirklichkeit zerplatzt sind.
Während sie mit ihrem 2010 erschienenen Bestseller „3096 Tage“ die Grausamkeit ihrer Gefangenschaft verarbeitet hat, beschäftigt sie sich nun vor allem mit der Zeit danach. In beiden Büchern tritt Kampusch als starke Ich-Erzählerin auf, nicht als gebrochenes Opfer – ähnlich wirkt sie auch in ihren Fernsehauftritten. Das neue Buch ist eine traurige Abrechnung mit einer Gesellschaft, die sie den Schatten der Vergangenheit nie abstreifen ließ. „Ich konnte keine Zukunft haben, wenn mir die Vergangenheit wie ein Klumpen Mist an den Füßen hing.“
Nicht wenige Menschen begegnen dem bekannten Verbrechensopfer mit Distanz und Ablehnung. Bis heute gibt es landesweites Kopfschütteln über Ermittlungsfehler – aber auch über das Verhalten des Opfers. Kampusch wurde nach dem Suizid Priklopils das Haus ihres Peinigers zu zwei Dritteln zugesprochen. Das Drittel der Mutter Priklopils kaufte sie selbst. Dass sie als Besitzerin immer wieder zum Tatort zurückkehrt – wie in der ORF-Sendung „Thema“ zu sehen war –, befremdet viele Beobachter.
Oft fühle sich ihr Leben wie eine Endlosschleife an, in der sie nicht glücklich sein dürfe, schreibt Kampusch: „Ich war vor einem Feind geflohen und hatte mit einem Mal zig Feinde, in manchen Internetforen sogar Tausende Feinde.“ Trotzdem ist ihre Stärke und das Streben nach Glück in ihren Zeilen zu finden. Auf 234 Seiten kritisiert und analysiert sie in kurzen, prägnanten Sätzen maßlos neugierige Medien, fragwürdige Juristen und Verschwörungstheoretiker. Trotzdem zeigt sie psychologisch komplex sogar teilweise Verständnis für die Personen, die ihr mit Hass begegnen. Vor ihre Familie, die selbst immer wieder angefeindet wird, stellt sie sich schützend.
„Mir kam es manchmal vor, als ob Kinder versuchten, einen seltsamen Käfer zu retten. Sich darum streiten, wer ihn halten darf, und ihn zum Schluss im Übereifer zerquetschen“, beschreibt Kampusch ihre Situation. Nach ihrer Selbstbefreiung im August 2006 begann das Gezerre an der damals 18-Jährigen. Vom Verlies kam sie zur Abklärung in eine geschlossene psychiatrische Abteilung. Eine Unfreiheit wechselte unter der Lupe der Weltöffentlichkeit die nächste ab. Am schlimmsten seien Menschen gewesen, die über sie bestimmen wollten. Ärzte hätten mit Anwälten und Medienberatern über die nächsten Schritte gestritten. Sie habe sich dabei wie eine Figur auf einem Schachbrett gefühlt. Gleichzeitig kämpften Journalisten verbissen um das erste Foto. „Die Patienten auf der psychiatrischen Station waren noch die Normalsten in dem ganzen Wahnsinn.“
Ihr souveränes, gefasstes Auftreten bei Interviews wird bis heute kritisiert. So sehe kein Opfer aus, wird ihr vorgeworfen. Die harte Fassade sei ein lebensnotwendiger Schutzschild, sagt Kampusch. Hinter diesem Panzer sehe es oft anders aus: „Trotzdem wird man mich sicher auch heute nur selten bis gar nie in der Öffentlichkeit weinen sehen oder schluchzend zusammenbrechen.“ Emotionale Momente verarbeite sie privat.
Auch das Leben außerhalb der eigenen vier Wände wurde nicht leichter. Sechs Jahre nach ihrer Flucht rutschte sie in ein tiefes Loch: „Ständig unter Anspannung und unter Beschuss durch die Medien war es oft eine Qual, auch nur einen Schritt nach draußen zu machen.“ (dpa, TT)
Chronologie
Vor zehn Jahren ist Natascha Kampusch aus dem Haus ihres Peinigers Wolfgang Priklopil geflohen. Der Entführungsfall zählt zu den aufsehenerregendsten Verbrechen in der österreichischen Kriminalgeschichte.
2. März 1998: Das zehn Jahre alte Mädchen verschwindet in der Früh auf dem Weg in die Volksschule in Wien-Floridsdorf. Ihre Eltern alarmieren am Abend die Polizei.
6. April 1998: Priklopil wird in Strasshof von Ermittlern aufgesucht. Er besitzt einen weißen Lieferwagen, wie ihn eine Zeugin – eine Schülerin – gesehen hat.
23. August 2006: In Strasshof (NÖ) kann sich Kampusch selbst befreien. Ihr 44-jähriger Entführer wirft sich in Wien vor einen Zug und stirbt.
April 2013: Die im Juni 2012 vom Parlamentsausschuss empfohlene Evaluierungskommission mit Cold-Case-Spezialisten kommt zu dem Schluss, dass Priklopil „mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Einzeltäter war“.