Internationale Pressestimmen zu erneuten Spannungen im Krim-Konflikt

Moskau/Kiew (APA/dpa) - Zu den erneuten Spannungen zwischen Russland und der Ukraine im Krim-Konflikt schreiben internationale Tageszeitunge...

Moskau/Kiew (APA/dpa) - Zu den erneuten Spannungen zwischen Russland und der Ukraine im Krim-Konflikt schreiben internationale Tageszeitungen am Freitag:

„Tages-Anzeiger“ (Zürich):

„Weshalb setzt Putin auf verbale Eskalation und baut militärische Drohkulissen auf? Eigentlich ist Russland auf dem Weg zurück in die internationale Staatengemeinschaft. Die Isolation, die auf die Annexion der Krim Anfang 2014 folgte, schien durchbrochen. In dieser Situation kann Putin kein Interesse an einem offenen Krieg mit der Ukraine haben. Eher geht es ihm um ein Ablenkungsmanöver: Die Menschen auf der Krim haben nach der Annexion goldene Zeiten erwartet. Heute geht es ihnen jedoch noch schlechter als zuvor. Angst vor Terror und Wut auf die Ukraine, die Putin nun schürt, sollen dies kaschieren. Damit spielt Provokateur Putin ein gefährliches Spiel, zumal in der Ostukraine wegen des Konflikts zwischen Kiew und Moskau täglich Menschen sterben.“

„Financial Times“ (London):

„Im Moment ist es wohl eher unwahrscheinlich, dass Putin einen neuen Konflikt mit allen dazugehörenden Gefahren einer umfassenderen Eskalation riskieren möchte. Schließlich bewegen sich in seinem geopolitischen Streit mit dem Westen doch einige Dinge für ihn ganz nach Wunsch. Die Türkei driftet nach dem fehlgeschlagenen Putsch wieder in Richtung Moskau. In den USA erlebt Putin einen republikanischen Präsidentschaftskandidaten - wenngleich einen, der im Moment eher schwankt -, der ihn lobt und der andeutet, Moskau könne erlaubt werden, die Krim zu behalten. Und die EU ist erschüttert durch das britische Brexit-Votum.

Wie auch immer, angesichts der Parlamentswahlen im kommenden Monat könnte Putin entschieden haben, dass ein bisschen militärischer Theaterdonner gebraucht wird, um die Aufmerksamkeit der Leute von der stagnierenden Wirtschaft abzulenken und sich selbst einmal mehr als den unersetzbaren Verteidiger des Landes zu präsentieren.“

„Svenska Dagbladet“ (Stockholm):

„Putin ist nicht Hitler. Russland ist nicht Nazi-Deutschland. Aber Putins Aussage, dass Russland sich der Provokation durch die Ukraine ausgesetzt sieht und deshalb nicht mehr an diplomatischen Verhandlungen zwischen den Ländern teilnehmen will, ist sehr beunruhigend. Aus der Geschichte haben wir gelernt, dass solche Aussagen Kriegen vorausgehen.“

„Dennik N“ (Bratislava):

„(Der russische Präsident) Wladimir Putin behauptet, die Ukraine habe statt einer Suche nach Kompromissen und dem Weg zu einer friedlichen Lösung den Terror gewählt. Wohl hat auch die Ukraine das zweite Minsker Abkommen verletzt. Aber wie ernst kann man trotzdem die Worte eines Präsidenten nehmen, der dessen grundlegendste militärische Vereinbarungen verletzt, Beobachter und UNO-Blauhelme ablehnt?

Vielleicht wollten wirklich einige Ukrainer die Krim und ganz Russland destabilisieren. Vielleicht ist das aber auch nur ein perfides russisches Spiel. In Putins Welt, in der die Lüge zur Wahrheit wird und umgekehrt, ist das schon alles gleich - oder nicht?“

„Lidove noviny“ (Prag):

„In der Diskussion um angebliche feindliche Agenten und Terroristen scheint in Vergessenheit zu geraten, dass Russland die Krim im Jahr 2014 willkürlich annektiert hatte. So sagt etwa Donald Trump, Putin werde nicht in der Ukraine einmarschieren - als ob er nicht schon dort wäre. Und das deutsche Nachrichtenmagazin ‚Der Spiegel‘ schreibt in einem Artikel, dass US-General Philip Breedlove vor zwei Jahren zum Ukraine-Konflikt beigetragen habe, weil er Waffen an Kiew liefern wollte. Woher kennen wir diesen Stil und diese Diktion? Es zeigt sich, dass sich der russische Hybridkrieg nicht mit der Besetzung der Krim durch grüne Männchen ohne Abzeichen erschöpft hat. Er dauert an. Teil davon ist, dass sich Soldaten manchmal nicht von wirklichen Terroristen oder irgendwelchen Idioten unterscheiden lassen. Doch eines ist sicher: Die Ukrainer haben den Hybridkrieg nicht erfunden.“

„RBK“ (Moskau):

„Die Krim-Krise beunruhigt umso mehr, als dass es dort zuletzt relativ ruhig war. Tausende Ukrainer besuchten Verwandte oder machten Urlaub. Was nun geschehen ist, darüber kursieren mehrere Versionen. Je nach politischer Präferenz glaubt man entweder die eine oder die andere. Alle Versionen gehen davon aus, dass der Konflikt nicht zufällig geschah. Russland hat im Fall der Ukraine den gleichen Fehler gemacht wie in Syrien. Die Operation wurde als Werkzeug gesehen, bestimmte Probleme zu lösen. Damit schafft man meist ein neues Problem, wie der Streit mit der Türkei zeigt. Auch der Westen destabilisierte mit seinem Irak-Einsatz damals letztlich die Region.“