Beständigkeit bis zur Perfektion
Vertrautes Gitarrengetöse: „Dinosaur Jr.“ klingen auf ihrem neuen Album „Give a Glimpse of What Yer Not“ so wie immer – und das ist gut.
Von Silvana Resch
Innsbruck –Die Welt verändert sich so schnell, dass einem schwindlig werden kann. Beruhigend, dass es Konstanten gibt, verlässliche, musikalische Partner wie Dinosaur Jr, eine Band, die bei ihrer Namensgebung eine gewisse Hellsichtigkeit an den Tag legte. Das „Jr.“ (das für „Junior“ steht) mag 32 Jahre nach der Gründung vielleicht nicht mehr so recht passen. Es wurde ohnedies dazureklamiert. Die Dinosaurs (mit Grateful-Dead-Texter Robert Hunter) hatte es bereits zuvor gegeben und die Hippie-Veteranen duldeten keine himmelstürmenden Jungspunde als Namensvettern. Nach dem selbstbetitelten Debüt „Dinosaur“ (1985) musste sich das Trio aus Massachusetts laut Gerichtsbescheid umbenennen. Mit extrem lautem, verzerrtem Gitarren-Getöse hatte sich die Punkrockband um Mastermind J. Mascis zu diesem Zeitpunkt bereits einen gewissen Kultstatus erspielt. Legendär auch der Eigensinn von Mascis, an dem sich unter anderem Kurt Cobain die Zähne ausbeißen sollte. Der Nirvana-Frontmann, ein Fan von Dinosaur Jr., soll mehrfach versucht haben, Mascis abzuwerben: Sowohl als Gitarristen als auch als Drummer hätte er ihn gerne in seiner Grunge-Formation gesehen. Der wollte freilich beides nicht. Der Musiker, ein hervorragender Gitarrist und leidenschaftlicher Schlagzeuger, will sich von niemandem dreinreden lassen.
Gründungsmitglied Lou Barlow flüchtete nach der Arbeit an der dritten gemeinsamen Platte „Bug“ (1989) vor dem Diktator Mascis. Ein letztes Lied durfte der ursprüngliche Sänger von Dinosaur Jr. darauf noch anstimmen: Die Frage „Why don’t you like me?“, formuliert als verzweifelter Schrei, macht die sechs Minuten Noise, die den Titel „Don’t“ tragen, zu einem verstörenden Erlebnis.
Barlow widmete sich fortan seinem Indie-Projekt Sebadoh, Mascis vergraulte nach zwei weiteren Alben auch Schlagzeuger Murph und veröffentlichte noch drei weitere Platten unter dem Namen Dinosaur Jr. 1997 ließ auch er die „Band“ ruhen.
2007, zehn Jahre später, kehrte Dinosaur Jr. mit dem Album „Beyond“ in ursprünglicher Besetzung zurück – um drei Platten später genau gleich zu klingen. Wenn auch ein wenig lieblicher als noch in der ersten Bandphase der späten 1980er-Jahre.
Der aktuelle Hit „Tiny“, mit seiner hübsch-verhallten Popmelodie schmeichelt sich in vertrauter Weise ans Ohr, raunt von der guten alten Zeit, irgendwie bekannt und doch unaufgeregt neu. Auch auf „Give a Glimpse of What Yer Not“, der vierten Platte seit der Reunion, klingen Dinosaur Jr. so, wie man sie seit vielen Jahren schätzt: Mascis lakonischer Gesang (der wahrscheinlich von Liebe handelt), die an Neil Young erinnernden Gitarrensoli, die eingängigen Melodien, von dezentem Lärm ummantelt. Dinosaur Jr. feilen nur noch hie und da ein klein wenig.
Nahe an der Perfektion lullt diese Art von Beständigkeit wohltuend ein. Und auch Bassist Lou Barlow darf längst wieder ans Mikro: Mit „Left/Right“ liefert er nach „Love is ...“ den Album- closer. Wen interessiert, ob diese Band sich mag, Dinosaur Jr. sind so etwas wie Familie.