Yamaha MT-10: Wie von einem anderen Stern
Seit der Präsentation der Yamaha MT-10 letztes Jahr warten alle darauf, das nackte Monster in die Finger zu bekommen. Jetzt war es so weit.
Von Lukas Letzner
Sellrein – Hin und wieder müssen wir an dieser Stelle erwähnen, dass wir uns der Tatsache, dass unsere Arbeit oft auch ein Privileg ist, durchaus bewusst sind. Speziell wenn man sich nach langem Warten darüber freuen darf, endlich auf Yamahas MT-Flaggschiff steigen zu dürfen. Richtig! Die nackte Version der Supersport-Rakete R1, die MT-10, wurde bei uns vor Kurzem zum Test vorstellig.
Auch wenn man über Geschmack bekanntlich sehr gut streiten kann, schon beim Erstkontakt macht die MT-10 auf uns mächtig Eindruck. Mit einem leuchtenden Auge blickt sie aus ihrem tief zerklüfteten Gesicht, wirkt aufgrund des extrem kurzen Radstands von nur 1400 Millimetern unheimlich bullig. Apropos unheimlich: Unweigerlich fällt uns der Film Transformers ein und wir warten fast darauf, dass sich die MT-10 jeden Moment in einen solchen verwandelt. Doch wieder zurück zum kurzen Radstand: Finden wir mit unseren 190 cm auf dem Ding überhaupt Platz?
Die kurze Antwort lautet – ja. Klar, dass dieser einen wesentlichen Einfluss auf die Ergonomie nimmt, der Abstand zwischen Sitzbank (mit 825 mm Sitzhöhe liegt die MT-10 genau im Mittelfeld) und Lenker, dessen Höhe und die Position der Fußrasten sind aber derart gewählt, dass der daraus resultierende Kniewinkel und die Sitzposition auch für größere Piloten kein Problem darstellen. Im Gegenteil. Wir sitzen erstaunlich entspannt. Doch zum Wesentlichen.
Nach einem Druck aufs Knöpfchen erwacht der Vierzylinder mit einem leisen Knurren. Vom Sound hätten wir uns im Stand eigentlich etwas mehr erwartet, doch wenn man die Drosselklappen ein wenig weiter öffnet, offenbart sich der wahre Charakter des Kraftprotzes. Zwar hat man Motor, Rahmen und Fahrwerk von der Supersport-Schwester R1 übernommen, die Modifikationen am Aggregat (vor allem am Zylinderkopf), aber auch am Fahrwerk sind derart umfassend, dass Yamaha die MT-10 als eigenständiges Motorrad verstanden haben will. Das Ergebnis: 160 PS und ein maximales Drehmoment von 111 Newtonmetern, die förmlich nach Auslauf schreien. Und den wollen wir der MT-10 natürlich nicht verwehren.
Sobald der Vierzylinder den mittleren Drehzahlbereich erreicht, wird es brutal. Dann nämlich schiebt er die nackte Yamaha nach vorne, als gäbe es kein Morgen mehr. Untermalt von einem kernigen Knurren, das die MT-10 in erster Linie der Crossplane-Bauweise der Kurbelwelle zu verdanken hat, fliegen wir auf die erste Kehre zu, ehe die Brembo-Zangen vehement in die Scheibe beißen. Problemlos lässt sich das Bike um die Ecke zirkeln – dem Radstand sei’s gedankt. Allerdings bleibt die MT-10 auch in schnell gefahrenen Kurven extrem stabil – den Ingenieuren sei’s gedankt.
Wie energisch die MT-10 aus der Ecke stürmt, kann der Fahrer selbst mittels drei unterschiedlicher Fahrmodi bestimmen. Im Standard-Modus ist die MT-10 vergleichsweise zahm, im Modus „A“ wird das Ganze schon sportlicher und wer sich für „B“ entscheidet, sollte wirklich aufpassen. Dann reagiert das Aggregat extrem giftig.
Alles in allem müssen wir aber festhalten, dass die MT-10 wirklich ein tolles Bike geworden ist, das uns während unserer 300 Testkilometer nie das Gefühl vermittelte, die Kraft nicht bändigen zu können. Übrigens: Der Spaß beginnt ab 15.999 Euro.
Kommentare