Salah Ammo: „Meine Religion ist die Musik“
Der syrische Kurde Salah Ammo ist Artist in Residence im Innsbrucker Treibhaus. Wenn Musik die Welt zu einem besseren Ort machen kann, dann bestimmt seine.
Innsbruck – Als Treibhaus-Artist-in-Residence bereist der im Nordosten Syriens geborene Musiker Salah Ammo jeden Mittwoch verschiedene Regionen der Welt. Nach zwei Konzertabenden zu Syrien und dem Iran geht es am 17. August weiter nach Indien und Pakistan. Der Buzuk-Virtuose, der 2013 als Schutzsuchender in Österreich gestrandet ist, hat sich hierzulande den Ruf eines musikalischen Brückenbauers erworben. Salah Ammo, der mit seiner Familie in Wien lebt, im Gespräch über Heimat, Religion und Musik.
Sie haben gegen den Willen Ihrer Familie in Damaskus Musik studiert.
Ammo: Im Dorf, wo ich aufgewachsen bin, gab es keine Musikschule. Seit ich denken kann, habe ich gesungen. Mein erstes Instrument, meine erste Langhalslaute, habe ich mir aus Fahrradgriffen und Käsedosen zusammengebastelt. Mein Vater hat mich für ein Jahr verstoßen, als ich mit dem Musikstudium begonnen habe. Er hat seine Meinung erst geändert, als er zu einem Konzert gekommen ist. Als er gesehen hat, dass ich nicht aufgegeben habe, meinen Traum zu leben. Ich wurde als Musiker geboren.
Bereits mit Ihrer ersten Band, der Joussour Group („Joussour“ heißt auf Deutsch Brücke), haben Sie Grenzen überschritten.
Salah Ammo: Ich habe immer versucht, für eine bessere Welt zu kämpfen. Musik ist meine Art, das zu tun. In Syrien war es nicht erlaubt, ein Konzert auf Kurdisch zu singen, nur maximal ein Lied pro Auftritt. So bin ich auf die Idee gekommen, alle ethnischen Gruppen miteinzubeziehen. Wir haben ziemliche politische Schwierigkeiten bekommen. Mit der Joussour Group wollte ich das Mosaik der syrischen Kultur zeigen, ich habe versucht, Brücken zu bauen.
Für die Treibhaus-Reihe setzen Sie jede Woche einen neuen musikalischen Fokus. Wie zeitaufwändig ist das?
Ammo: Es ist viel Arbeit, weil ich nebenher noch andere Band-Projekte verfolge, aber es gefällt mir sehr. Wir wollen es zu einer Feier der verschiedenen Stile machen. Es funktioniert, weil alle involvierten Musiker sehr gut sind. Die Idee dazu stammt von Treibhaus-Chef Norbert Pleifer. Ich bin stolz, hier Artist in Residence zu sein, das Treibhaus ist mein kulturelles Zuhause, eine Heimat.
Der erste Teil der Konzerte ist akustisch und ruhig, der zweite lädt zum Tanzen ein. Wäre es Ihnen anders zu eintönig?
Ammo: Als Musiker mag ich eigentlich lieber ruhige und meditative Musik. Im Orient gehen die Menschen eher nach innen, um ihre Probleme zu lösen, die melancholische, meditative Musik hilft ihnen, zur Ruhe zu kommen. Hier gehen die Menschen eher nach außen, sie gehen in Clubs, sie wollen tanzen. Viele Syrer haben schreckliche Dinge erlebt, wenn man für sie melancholische Musik spielt, werden sie noch trauriger. Beim zweiten Teil der Konzerte sind mehr jüngere Leute, Studenten, die zum Tanzen kommen. Wir machen eine lange Pause, damit sich die Menschen dazwischen treffen und unterhalten können.
2014 haben Sie im Duo mit dem Wiener Jazz-Schlagzeuger Peter Gabis die CD „Assi – Story of a Syrian River“ veröffentlicht. Eine Metapher für das Schicksal von Millionen Syrern. Sie wollen mit Ihrer Musik Hoffnung geben.
Ammo: Wir sind jetzt Flüchtlinge. Vor 70 Jahren waren Millionen von Menschen in Europa auf der Flucht, Millionen wurden getötet. Die 70 Jahre danach waren friedlich, das gibt mir Hoffnung für Syrien. Ich will die Botschaft verbreiten, dass die Zukunft gut werden kann. Als ich 2013 in Wien angekommen bin, habe ich mich gefragt, was ich für meine neue und für meine alte Heimat tun kann, wie sich das verbinden lässt. Mit Peter Gabis im Duo spielen wir orientalische Musik, auch so, wie er sie versteht. Wenn wir uns austauschen, entsteht etwas komplett Neues.
Sie sind 2013 mit nichts als Ihrem Instrument, der Buzuk, in Traiskirchen angekommen. Welches Bild haben Sie von Österreich gewonnen?
Ammo: Ich habe Österreich schon zuvor gekannt, großartige Künstler wie Mozart oder Schiele, das hat mir geholfen, über den Schmerz hinwegzukommen. An Orten wie Traiskirchen bist du nur eine Nummer, du fühlst dich nicht wie ein menschliches Wesen. Es hilft mir, zu denken, dass wir alle Flüchtlinge sind, man weiß nicht, woher man kommt, man weiß nicht, wohin man geht.
Wie würden Sie Ihre Identität beschreiben?
Ammo: Ich wurde in eine kurdische Familie geboren, ich wurde in Syrien geboren, ich bin Moslem. Das Wichtigste ist aber, dass ich ein Mensch bin. Alles andere habe ich nicht gewählt, niemand kann seine Identität wählen, wir können sie nur akzeptieren. Ich bin aus einer muslimischen Familie, auch wenn ich heute nichts mehr damit zu tun habe. Die Missverständnisse, vor allem, was den Islam anbelangt: Was passiert, ist Politik, das hat nichts mit Religion zu tun. Die Religionen sind dazu da, den Menschen zu helfen. Ich respektiere alle Religionen, aber meine Religion ist die Musik.
Das Gespräch führte Silvana Resch
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