Olympia

Usain Bolt oder die Magie der zehn Sekunden

Superstar Usain Bolt.
© AFP

Geht es nach der Physik, schreibt Usain Bolt heute Geschichte und holt nach Peking 2008 und London 2012 erneut Olympia-Gold über 100 Meter.

Aus Rio: Marku Dattler und Günter Sagmeister

Rio de Janeiro –In der ersten Olympia-Woche sind die Verkehrskolonnen fast achtlos am Olympia-Stadion vorbeigerollt, das auf der halben Strecke zwischen dem Beachvolleyball-Center auf der Copacabana im Süden und dem Olympia-Park im Norden liegt. Das Stadion, Heimat des Fußballklubs Botafogo, liegt im Stadtviertel Engenho de Trentoi – und es ist nicht empfehlenswert, bei Nacht hier spazieren zu gehen. Der große Teil der ansässigen Cariocas gehört der Mittelschicht an, aber es sind auch Favelas angeschlossen. Die Elendsviertel werden freilich nicht zu sehen sein, wenn die Welt heute Nacht ins glitzernde Olympia-Stadion zum 100-m-Finale blickt (3.25 Uhr).

Es gibt halt nur alle vier Jahre diese magischen zehn Sekunden, diese magischen 41 Schritte, die der Sprinter benötigt. In den letzten Sekunden wird die Stille im Stadion wieder so groß sein, dass man erstmals den Hubschrauber hört, der hoch über dem Stadion kreist. Ein sonores Motorengeräusch für Zigtausende Zuseher. Wie Zylinderkolben werden sich die Sprinterbeine auf- und abbewegen, rasend, gleichmäßig. Die Handys werden gezückt sein und das Oval mit Blitzen erhellen, wenn der Schuss ertönt ist.

Köpfe werfen sich nach vorne, das Stadion rast. Etwas weniger als zehn Sekunden sind eine Ewigkeit. Es geht schließlich um alles: Der schnellste Mann der Welt vereint unbändigen Willen und Kraft mit der Magie der Geschwindigkeit. Man muss sehen, wie sie sich aufpumpen vor dem Lauf, wie sie unruhig die mächtigen Körper bewegen. Wie sie Sportgeschichte schreiben.

Usain Bolt ist nicht nur ein begnadeter Schauspieler, sondern auch einer, der Versprechen einhält. Vor den 100 Metern in London hat er angekündigt, zur „Legende“ zu werden. Er gewann wie schon zuvor 2008 in Peking über 100 Meter (9,63 Sekunden), er gewann über 200 Meter und auch mit der 4 x 100-Meter-Staffel. In Rio will er sein drittes Gold-Triple im Zeichen der fünf Ringe. Es ist angerichtet. Und er ist bereit, sagt er. Er ist vor allem bereit, seinen Erzrivalen Justin Gatlin (USA) zu besiegen. Und den Rest der Welt.

Usain Bolt ist ein Phänomen, dem sich natürlich auch schon Neurophysiker gewidmet haben. Man nehme Größe (1,93 m) und die Schrittanzahl (41). Man weiß, dass bei Männern mit afrikanischen Wurzeln der Nabel um knapp drei Zentimeter höher gelagert ist als bei Europäern. Seine Beine messen 110 Zentimeter von der Sohle bis zur Hüfte, der damit besonders hohe Körperschwerpunkt bewirkt den markanten Laufstil. Für Sprinter ist es auch eine Gnade der Geburt, wenn man die richtigen Muskeln und deren Fasern genetisch weitervererbt bekommt. Es gibt einen Unterschied zwischen Typ-I-Fasern (langsam oxidativ) und Typ-II-Fasern (schnell oxidativ). Für einen Sprinter ist es wichtiger, schnell zu sein, als hohe Kräfte zu entwickeln. Deshalb braucht er schnelle Muskelfasern. Bolt hat sie.

Bolt gilt zwar als einer der schwächsten Starter, bringt dann aber ob seiner Größe und Kraft eine schnellere Beschleunigung zustande. Untersuchungen haben gezeigt, dass das hintere Bein für die horizontale Beschleunigung wichtig ist, während das Bein, das sich am vorderen Bereich des Startblockes befindet, für das Aufrichten des Körpers wichtig ist. Bessere Sprinter haben mehr Kraft im hinteren Bein, die schlechteren müssen mit den Händen nachhelfen.

Sobald Bolt unterwegs ist, wird es spannend. Der Körper muss von den Beinen bewegt werden. Sie bewegen Rumpf, Arme und Kopf. Der Schwerpunkt des Körpers wird pro Schritt um drei Zentimeter gehoben und kontrolliert gesenkt. Diese Hubleistung macht rund zwölf Prozent der Gesamtleistung aus. 80 Prozent der verfügbaren Energie wird in die Beschleunigung investiert. Der Rest steht den Armen zu Verfügung. Bolts maximale Schrittlänge beträgt 2,95 Meter, er braucht somit 41 Schritte, alle anderen 43. Somit ist logisch, dass er gewinnt. Nach 20 Schritten erreicht er mit rund 43 km/h die maximale Geschwindigkeit und dann läuft er aus. Gold.